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‘Nebenwiderspruch’ Homosexualität?

Auch der Anarchismus hatte und hat so seine Probleme mit dem ‘Laster’

Der Anarchismus propagiert die Freiheit des/der Einzelnen als oberstes Ziel. Das Individuum ist ihm Ausgangsbasis und Bezugspunkt für die aufzubauende freie Gesellschaft – und für den Weg dorthin. Nicht ohne Grund wurde die ‘freie Liebe’ – auch wenn sie in der Regel gründlich mißverstanden wurde – gerade von AnarchistInnen am vehementesten propagiert. Müßte da nicht – konsequenter Weise – der homosexuellen Liebe gerade unter AnarchistInnen aufgeschlossen begegnet worden sein? Doch ganz so einfach ist es leider nicht. (Red.)

Eine umfassende Darstellung des Umgangs „des" Anarchismus mit Homosexualität ist derzeit nicht möglich. Eher bruchstückhaft lassen sich Ausschnitte beleuchten. Diese Ausschnitte deuten jedoch auf damit zusammenhängende Fragen, denen nachzugehen sich lohnen würde: wie wurde im Anarchismus Sexualität gedacht und gelebt; welche Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit herrsch(t)en im Anarchismus vor und wie wirk(t)en sie sich auf die Theorie und Praxis aus? Denn ‘Freie Liebe’ wurde zu oft als die Freiheit des Mannes begriffen und gelebt, wie nicht nur die Person Erich Mühsams zeigt (1), und der anarchistische Revolutionär sollte eben doch ein „richtiger Mann" sein (2). Trotz der Propagierung der Herrschaftslosigkeit zieht sich die Vernachlässigung der Herrschaftsmechanismen von Patriarchat und Heterosexismus durch die Theorie- und Praxisgeschichte des Anarchismus – von Proudhon bis Stowasser (3). Allerdings muß zur Verteidigung des Anarchismus angemerkt werden, daß der Anarchismus hier keine Ausnahme ist, sondern sich hier die allgemeine Tendenz in der Linken schlicht wiederspiegelt.
Proudhon schoß nicht nur in Sachen Frauendiskriminierung „den Vogel ab" (Rolf Cantzen), sondern auch in Sachen Homosexualität. Er bezeichnete ‘Sodomie’ (4) als „den letzten Grad menschlicher Verderbtheit, Grundlage von Verbrechen, eine Monströsität, die die gesamte Gesellschaft mit Eisen und Feuer verfolgen muß". (5) Er fragte sich sogar, ob Homosexualität zu Kannibalismus führen würde. (6)

Die neue Liebeswelt

Dabei ging es durchaus anders. Einige FrühsozialistInnen zeigten bereits im 18./19. Jahrhundert eine aufgeschlossenere Sicht auf (Homo-)Sexualität. Während Saint-Simon (1760–1825) hier außen vor bleiben kann, da er wohl eher zur autoritären Schule des Sozialismus gehört, ist Charles Fourier (1772–1837) auch aus anarchistischer Sicht von Interesse, und auch Max Nettlau ordnet ihn in seiner „Geschichte der Anarchie" unter den VorläuferInnen des Anarchismus ein. Fourier bemühte sich, alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens zu begreifen. Von besonderer Bedeutung waren für ihn ‘Arbeit’ und ‘Liebe’, und darauf aufbauend formulierte er zwei Minima:

 

  1. Das soziale Minimum. Arbeit war für Fourier keine Pflicht, sondern ein Bedürfnis. Das wäre aber nur möglich, wenn Menschen ihre Arbeit frei wählen könnten. Nur wenn Männer und Frauen von der Notwendigkeit zu arbeiten befreit wären, wäre es für sie psychologisch möglich, ihre Arbeit als eine attraktive Tätigkeit anzusehen (7).
  2. Das sexuelle Minimum. In Fouriers Utopie sollten nicht nur materielle Restriktionen überwunden werden, sondern es sollte auch nicht länger notwendig sein, seine/ihre Leidenschaften zu unterdrücken. Seine ‘Neue Liebeswelt’ ist vor allem auch eine Utopie sexueller Freiheit (8). Alle sexuellen Ausdrucksformen sind erlaubt, solange kein Mensch mißbraucht wird. Gerade die Zurückweisung von Tabus würde die soziale Integration steigern und gleichzeitig Individualität stärken. „Sexuelle Integrität bringt die Geschlechter einander näher; wenn nichts mehr verboten oder unterdrückt wird, würde es eine Überbrückung sexueller Identitäten geben, von sapphischer (lesbischer, Anmk. AS) oder päderastischer (hier im Sinne von ‘schwuler’, Anmk. AS (9)) Liebe, und dieses Brücken schlagen zwischen weniger üblichen sexuellen Präferenzen ist notwendig für Harmonie." (10)

 

Nicht verschwiegen werden sollen allerdings die problematischen Seiten von Fouriers Konzept des sexuellen Minimus. Um die Menschen von ihrer Fixierung auf Koitus und Genitalien zu befreien, wollte Fourier über einen ‘Gerichtshof der Liebe’ unter Vorsitz einer erfahrenen älteren Frau die Erfüllung eines „sexuellen Minimums orgasmischer Erfüllung" sicherstellen. Auch wenn Fourier schreibt, daß „Frauen kein Liebesobjekt sind, sondern aktive Teilnehmerinnen", und er es als notwendig ansah, anzuerkennen, daß Frauen die gleichen sexuellen Bedürfnisse haben wie Männer, sind es wohl solche Sätze, die Rolf Cantzen zu der Einschätzung führen, daß durch diese „komplizierten Regelungen" die Frau „an den Mann gebracht" werden solle. (11)
Es ist für mich durchaus offen, ob hier Cantzen Fourier mißverstanden hat – die Regelungen gelten für Frauen und Männer gleichermaßen – oder ob dieser Vorwurf gerechtfertigt ist. Fouriers Gedanken sind im zeitlichen Kontext zu betrachten – womit ich hier nichts entschuldigen will. Doch die Erfahrungen mit der sogenannten ‘sexuellen Revolution’ der End-Sechziger und 70er Jahre, die sicherlich vor allem Frauen für die Männer sexuell leichter verfügbar machen sollte, prägen unweigerlich unseren Blick auf Fouriers Schriften und führen vielleicht zu Interpretationen, die von Fourier so nicht impliziert waren.
Wie dem auch sei, die FourieristInnen übernahmen bei den verschiedenen Versuchen zur Umsetzung seiner Gedanken in Europa und Nordamerika nur seine ökonomischen Ideen (12), und in den Veröffentlichungen seiner Werke wurden allzu freizügige Stellen schlicht gestrichen und seine SchülerInnen distanzierten sich teilweise ausdrücklich von seinen Ideen zu Sexualität. Folgerichtig wird Fouriers Schrift zur „Neuen Liebeswelt" von seinen SchülerInnen unterdrückt und die christlich-bürgerliche Moral propagiert: „Es ist unsere Pflicht, das christliche und bürgerliche Gesetz genauestens zu befolgen." (13) Chance vertan.

 

Anarchismus & Homosexualität I: Deutschland

Vor der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die SozialistInnen häufig radikal in ihrer Politik bezüglich Sexualität. Mit der Durchsetzung des ‘wissenschaftlichen Sozialismus’ wurde er allerdings immer puritanischer, und in einem langen Prozeß näherten sich die sexuellen Moralvorstellungen der bürgerlichen Moral an. Dabei gab es Unterschiede zwischen ‘FunktionärInnen’ und ‘Basis’; die FunktionärInnen tendierten dazu eine Politik zu unterstützen, die das Proletariat ‘zivilisieren’ sollte – was sich nicht nur auf Homosexualität, sondern allgemein auf die Sexualmoral bezog. „Diese sozialistische Betonung auf Respektabilität hat mit Sicherheit die bereits existierende Homophobie innerhalb der ArbeiterInnenklasse gestärkt und möglicherweise sogar Vorurteile erzeugt, wo sie vorher nicht existierten. (...) Es gibt einige Beweise die nahelegen, daß die proletarische Kultur weniger puritanisch war, bevor die sozialistische Ideologie den ArbeiterInnen von ihren FunktionärInnen eingepflanzt wurde." (14) Die Wurzeln dafür lagen zum einen in der bürgerlichen Abstammung vieler FunktionärInnen, zum anderen in einem Ideal ‘sozialistischer Männlichkeit’, daß auch in anarchistische Kreise hineinreichte. Homosexualität wurde dabei als ‘unmännlich’ oder ‘effeminiert’ abgewertet, und bezog sich diese Abwertung zunächst nur auf die ‘passive’ Rolle, so wurde sie später auch auf den ‘aktiven’, penetrierenden Part ausgedehnt.
Die stärkere Betonung von Männlichkeit (bzw. die Durchsetzung spezifischer Geschlechterrollen, denn auch den Frauen wurde verstärkt eine bestimmte Rolle zugewiesen) muß im Zusammenhang mit zwei Entwicklungen gesehen werden: Zum einen erkämpften sich Frauen den Zugang zu höherer Bildung und forderten mehr Rechte ein, wodurch die scharfe Geschlechtsrollenteilung zumindest partiell in Frage gestellt wurde (15), zum anderen führte die starke Betonung militärischer Werte zu einer ‘Militarisierung der Männlichkeit’, die ebenfalls zu einer Abwertung der Homosexualität als ‘unmännlich’ führte. (16)
Vor diesem Hintergrund ist nun das Verhältnis des deutschen Anarchismus zur Homosexualität zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu betrachten. 1902 erschien in der Berliner anarchistischen Wochenzeitung „Neues Leben" eine Serie von Artikeln über das „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", das vom „Wissenschaftlich-humanitären Komitee" herausgegeben wurde. Damit wurde einer anarchistischen LeserInnenschaft zum ersten Mal das Thema Homosexualität entsprechend dem damaligen Stand der Wissenschaft nahegebracht und die Kritik an der „einseitig verkehrten Moral" der „öffentlichen Meinung" mit anarchistischer Staatskritik verbunden (17). Im Schlußartikel heißt es: „Für uns Anarchisten ... knüpfen sich an die zu fordernde Aufhebung des § 175 große Erwartungen. Ein Dogma nach dem anderen muß fallen. Tag für Tag wird der Gesellschaft etwas entrissen, was unverbrüchliche, heilige Norm war, bis langsam aber sicher die Maske abgeworfen werden muß, bis der freie Mensch allein noch auf der Erde steht." (18)
Allerdings sah sich der Autor eines Artikels zwei Jahre später im „Freien Arbeiter" genötigt, gegen die „Intoleranz" gegenüber den „warmen Brüdern" Stellung zu beziehen. „Ist Intoleranz an und für sich schon unwürdig eines Arbeiters, der einer freieren Neuordnung der Gesellschaft zustrebt, – so ist sie noch besonders verdammenswert, wenn es sich um Dinge handelt, die so elementar, so selbstverständlich Sache jedes Einzelnen sind, wie die Beschaffenheit seines geschlechtlichen Trieblebens. Da aber nur Unkenntnis die Ursache dieser Intoleranz ist, ist es Pflicht eines jeden, nach Kräften über das Wesen der anormalen Geschlechtsempfindungen zu unterrichten." (19) – ein Indiz vielleicht, daß auch unter AnarchistInnen diese Intoleranz verbreitet war? Allerdings läßt sich hier eher die These aufstellen, daß die schreibenden AnarchistInnen Homosexualität aufgeschlossener gegenüber standen als der große Teil der ArbeiterInnenmitgliedschaft und auch versuchten, Toleranz einzufordern – wenn sich diese These derzeit auch nicht belegen läßt.
Von den bekannteren AnarchistInnen sind vor allem drei im Zusammenhang mit Homosexualität von Bedeutung: John Henry Mackay (1864–1933), Erich Mühsam (1878–1934) und Senna Hoy (d.i. Johannes Holzmann, 1882–1914). John Henry Mackay wurde in Schottland geboren und zog mit 19 Monaten nach dem Tode seines Vaters mit seiner Mutter in ihre Heimatstadt Hamburg (20). Mackay war vor allem durch die Schriften der Individualanarchisten Benjamin Tucker und Max Stirner beeinflußt und wird teilweise als Wiederentdecker von Stirners Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum" angesehen. (21)
Aufgrund seines Individualanarchismus politisch eher isoliert, begann er ab 1905 unter dem Pseudonym „Sagitta" (Pfeil) seinen Kampf für die Anerkennung der Homosexualität oder genauer für die „Liebe des Mannes zu dem jüngeren seines Geschlechts, seine Liebe zum Jüngling, zum Knaben!" (22) – denn Mackays bevorzugtes Alter lag zwischen 13 und 18 Jahren (23). Mackay hatte sein ‘Coming Out’ für sich selbst erst relativ spät (öffentlich nie, denn er selbst lüftete sein Pseudonym bis zu seinem Tod nicht) und beschreibt es in „Fenny Skaller", dem dritten und stark autobiographisch geprägtem der „Bücher der namenlosen Liebe". (24)
Mackay unterzeichnete zwar die Petition zum § 175 des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) von 1897 und nahm auch an einigen Sitzungen teil, geriet aber mit dem WhK in Fragen der Taktik aneinander. Ein Streitpunkt war das Schutzalter für Jugendliche. Das WhK war bereit, im Gegenzug für die eventuelle Abschaffung des § 175 eine Heraufsetzung des Schutzalters auf 16 Jahre zu akzeptieren, was Mackay nicht konnte, denn damit wäre ihm nicht geholfen gewesen. „Das aber – paktieren – thun sie, und indem sie es thun, suchen sie die einen auf Kosten der Anderen zu retten. Wohl wissend, wie sehr die ‘öffentliche Meinung’ ... grade der Liebe des Aelteren zu dem Jüngeren seines Geschlechts widerstrebt, weil die gedankenlose hier immer nur ‘Verführung’ zu sehen vermag, während sie sich mehr und mehr dem Gedanken einer ‘Freigabe der Liebe zwischen Erwachsenen’ hinneigt, billigen, ja befürworten jene gefährlichen Helfer ein Gesetz, das die einen freispricht, während es die anderen verurtheilt." (25)
Das Verhältnis zwischen Mackays Individualanarchismus und seiner Homosexualität war komplex. Es basierte auf den Prinzipien des „Eigenen" und eines Selbstbewußtseins, das den Einzelnen über alles stellte. Seine Kritik am WhK gründete sich daher nicht nur auf das Schutzalter, sondern vom Standpunkt des Individuums aus sah er auch keine Notwendigkeit für wissenschaftliche Erklärungen (26) – und dabei ist ihm vielleicht sogar zuzustimmen.
Mackays Standpunkt ist problematisch. Wenn er auch nicht den Fehler beging, seine Art der Liebe zu glorifizieren und darüber zu einem Männlichkeitskult zu kommen (27), so scheiterte er daran, die Problematik der ‘Jünglingsliebe’ in ihrer Komplexität wahrzunehmen. Er zog sich darauf zurück, „daß hier nicht die Altersstufen, sondern allein die Reife entscheidend sein kann" (28), womit für ihn das Problem erledigt war. Sein Individualanarchismus mit der Ausblendung struktureller – gerade ökonomischer – Abhängigkeiten führten ihn hier – vielleicht im eigenen Interesse – zu einem Kurzschluß.
Bis heute fehlt dazu allerdings eine differenzierte Auseinandersetzung. „Das sind Probleme, die die schwule Gemeinschaft bis heute oft sowohl als zu schwierig ignoriert hat, und gegen die sie auch oft aggressiv als reaktionäre Politik reagiert hat." (29)
Folgt man Greenberg (30), so haben die staatliche Sozialpolitik – im übrigen eine Reaktion auf die erstarkende ArbeiterInnenbewegung – und die Schulpflicht gerade das Leben Jugendlicher nachhaltig verändert und zu längerer Abhängigkeit von den Eltern und dem Ausschluß Jugendlicher aus dem Leben Erwachsener geführt. Dies blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Struktur homosexueller Beziehungen, die sich mehr in Richtung auf Beziehungen zwischen Gleichaltrigen restrukturierten. (31) Die Abhängigkeit Jugendlicher ignoriert Mackay jedoch, und in seinem Roman „Der Puppenjunge" (32) idealisiert er die ‘Jünglingsliebe’ durchaus anhand dieser Ungleichheit, indem der Ältere den Jüngeren (in diesem Fall ein Strichjunge – „Puppenjunge") auf den rechten Weg leiten und unterstützen soll. Das Muster ist noch heute das gleiche: „Jungen werden als junger, einfallsreicher Schützling oder als männlicher, draufgängerischer Rabauke angesehen, der weiß, wo’s langgeht. Sie werden entweder als vollkommen unschuldig oder als unerhört anmaßend und selbstsicher angesehen. ... Auf der anderen Seite werden Männer als gefestigt, allwissend und selbstsicher angesehen," (33), so resümiert Michael Alhonte seine Erfahrungen als der jüngere Partner bei der ‘Jünglingsliebe’. Er kommt daher zu dem Schluß: „Sie finden mich alt genug zum Ficken, aber nicht alt genug, um mit mir zu reden." (34)
Auch Mackay bleibt in diesen Widersprüchen stecken. Auch ihm geht es nicht um eine gleichberechtigte Beziehung, und seine Betonung des „Rechts auf sich selbst" führt auch ihn dazu, daß „Recht auf Liebe" für Jünglinge zu fordern, wo er das Recht auf seine Liebe (und Sexualität) mit Jugendlichen meint. Strukturelle Ungleichheiten in der Beziehung klammert er aus oder idealisiert sie. Mackays Versuch (wenn denn überhaupt von einem solchen gesprochen werden kann), die Frage der Homosexualität in den Anarchismus zu intergrieren, führt daher in die falsche Richtung.
Senna Hoy (Johannes Holzmann) stürzte sich ab 1902 in die journalistische und anarchistische Arbeit. Selbst nicht homosexuell, erschien von ihm 1903 die Broschüre „Das dritte Geschlecht" (35), und von 1904 bis 1905 veröffentlichte er die Zeitschrift „Kampf" (36), in der aus-führlich über die Kampagnen gegen den § 175 berichtet wurde. „Kampf" war weder eine Homosexuellenzeitschrift, noch das Organ einer anarchistischen Organisation, sondern bot ein Forum für libertäre Positionen und beinhaltete literatische Beiträge sowie politische Artikel.
Senna Hoy ordnete den Kampf gegen den § 175 und für die Emanzipation der Homosexuellen nicht dem Kampf für die anarchistische Gesellschaft unter, sah ihn aber auch nicht als isolierte Frage (wie z.B. die Sozialdemokratie (37)). Für Senna Hoy ging es um eine „allumfassende Emanzipation und Befreiung, sowohl für die Gesellschaft als ganzes als auch für an den Rand (gedrängte) Gruppen." (38)
Aufgrund der staatlichen Verfolgung emigrierte Senna Hoy 1905 in die Schweiz und reiste 1907 in das nachrevolutionäre Rußland, um dort für einen militanten Anarcho-Kommunismus zu agitieren. Im selben Jahr wurde er wegen „Enteignungen" verhaftet und zu 15 Jahren Haft verurteilt. Er starb 1914 verelendet in einem Moskauer Gefängnis (39).
Erich Mühsams erste Buchveröffentlichung widmete sich ebenfalls dem Thema Homosexualität (40). Mühsam zeigte sich darin in der wissenschaftlichen Literatur seiner Zeit bewandert und schloß sich im wesentlichen den Positionen des Wissenschaftlich-humanitären Komitees an. In einer Rezension von Magnus Hischfelds „Der urnische Mensch" in der Zeitschrift „Der arme Teufel" schloß er 1903 mit den Sätzen: „Gegen diesen § 175 sollte sich jeder auflehnen, der noch eine Spur Gerechtigkeitsgefühl und noch ein Fünkchen Nächstenachtung in sich trägt." (41) Mühsam hat sich allerdings direkt nach der Veröffentlichung von seinem Buch „Die Homosexualität" distanziert; die Gründe dafür blieben im Unklaren (42).
Mühsams Kritik der Ehe und der bürgerlichen Moral und seine Propagierung der freien Liebe bezogen sich auch auf die Homosexualität, und wenn er betonte, selbst nicht „so" veranlagt zu sein, so sprach er sich immer konsequent gegen den § 175 aus.
Es fällt auf, daß die meisten anarchistischen Veröffentlichungen zur Homosexualität aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts stammen. John Henry Mackay hat sich wohl noch am längsten mit dem Thema beschäftigt, war aber in der anarchistischen Szene eher isoliert und trennte auch explizit zwischen beiden Bereichen – er selbst lüftete sein Pseudonym Sagitta bis zu seinem Tode nicht. (43)
Eine Sichtung der anarchistischen Veröffentlichungen der Weimarer Zeit in Bezug auf die Stellung zur Homosexualität ist bis heute nicht erfolgt. Die Freie Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) hatte allerdings maßgeblichen Einfluß auf die Sexualreformbewegung der 20er und frühen 30er Jahre (44), doch das allein sagt noch wenig über die Einstellung der Mitglieder der FAUD (45).Und gerade das Engagement für Sexualaufklärung und Geburtenkontrolle lag durchaus auch im Interesse der anarchistischen Männer, mag es doch die sexuelle Verfügbarkeit von Frauen im Sinne eines patriarchalen Verständnisses von ‘freier Liebe’ gefördert haben. Das trifft so für das Thema Homosexualität nicht zu.
Eine Zusammenarbeit zwischen der Sexualreformbewegung und der homosexuellen Emanzipationsbewegung um das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) gab es aber durchaus. Die radikale Pazifistin Helene Stöcker gründete 1905 den „Bund für Mutterschutz", dessen Publikationsorgan „Die neue Generation" sie von 1908 bis 1933 herausgab. (46) Ab 1912 war sie auch Mitglied des WhK, genauso wie Magnus Hirschfeld und Kurt Hiller – die beiden führenden Köpfe des WhK – Mitglieder im Bund für Mutterschutz waren und regelmäßig in „Die neue Generation" veröffentlichten. Auch in der „Weltliga für Sexualreform", die 1928 gegründet wurde und ihren Sitz im „Institut für Sexualreform" von Magnus Hirschfeld hatte, kam es zu einer Zusammenarbeit beider Strömungen. Bereits 1925 gründeten auf Initiative des WhK mehrere Verbände, darunter die „Deutsche Liga für Menschenrecht", Helene Stöckers „Bund für Mutterschutz" und die eng mit dem stark von der FAUD beeinflußten „Reichsverband für Geburtenkontrolle und Sexualhygiene" zusammenarbeitende „Gesellschaft für Sexualreform" ein „Kartell zur Reform des Sexualstrafrechts" (47), das 1927 einen „Gegenentwurf" zur geplanten Verschärfung des Sexualstrafrechts vorlegte, der im wesentlichen von Kurt Hiller erarbeitet wurde. (48)
Dennoch: auch wenn es auf dieser Ebene eine Zusammenarbeit gab, so bleibt offen, wie sich das in der Politik der FAUD selbst wiederspiegelte. Hier klafft sowohl in der homosexuellen als auch in der anarchistischen Geschichtsforschung eine Lücke.

Anarchistische Machos gegen Homosexuelle: Spanien

Die spanischen Anarchisten hatten nicht nur „nie etwas übrig für die Emanzipation der Frau" (49), so Emilianne Morin, die Frau von Buenaventura Durrutti, sondern ebenso wenig für die Emanzipation der Homosexuellen. Das zeigt eine Analyse der einflußreichen anarchistischen Zeitschrift „Revista Blanca", dem nach George Woodcock wichtigsten theoretischen Organ des spanischen Anarchismus (50). „Revista Blanca" wurde 1898 gegründet und von 1898–1904 von Joan Montseny und Teresa Mañé geleitet, danach bis 1936 – der Einstellung der Zeitschrift – von ihrer Tochter Federica Montseny i Mañé (51). Die Gründung der Zeitschrift fiel in die Zeit des Endes der ‘Propaganda der Tat’ – anarchistischer Attentate – und einer Neuformierung der anarchistischen Bewegung. In ihr spiegelt sich in den Debatten die Geschichte des ersten Drittels des Jahrhunderts wieder: die russische Revolution und ihre Erstarrung im Staatssozialismus, der Aufstieg des Faschismus in Italien und Deutschland usw. Aufgrund ihrer herausragenden Stellung gibt eine Analyse der „Revista Blanca" daher auch einen Einblick in die Diskussionen um Männlichkeit und (Homo-)Sexualität im spanischen Anarchismus.
Allerdings müssen alle Äußerungen vor dem sozio-kulturellen Hintergrund Spaniens gesehen werden: eine einflußreiche katholische Kirche, eine überwiegend ländliche Bevölkerung (40 % der Bevölkerung arbeiteten in den 30er Jahren auf dem Land) und – von Katalonien und dem Baskenland abgesehen – eine geringe Industrialisierung (52). Allgemein war das Wissen über Sexualität und den eigenen Körper gering. Das zeigt sich dann auch in „Revista Blanca", z.B. in Artikeln zu Onanie. Noch 1934 wird behauptet, daß Onanie die Intelligenz reduziert (53). Zum Ende der 20er Jahre wird Homosexualität als ‘Abweichung’ angesehen, die in ungünstiger Umgebung gefördert wird (54). Allerdings wird auch deutlich, daß die Bewertung der Homosexualität sich auf den ‘Akt’ als solches bezieht, und noch kein Konzept einer ‘homosexuellen Persönlichkeit’ vorhanden ist. Möglicherweise fehlte im Spanien der 20er Jahre eine homosexuelle Subkultur noch fast völlig, so daß das Konzept des ‘modernen Homosexuellen’ noch wenig Sinn machte. (55)
Zu Beginn der 30er Jahre änderte sich aber die Sichtweise, was allein schon durch die häufigere Verwendung des Wortes ‘homosexuell’ statt ‘sexueller Inversion’ markiert wird. Das bedeutete aber nicht unbedingt einen positiveren Blick auf Homosexualität. So heißt es noch in der Ausgabe vom 5. Juli 1935 auf die Frage eines Lesers: „Was soll man über solche Genossen sagen, die selbst Anarchisten sind, aber mit Invertierten verkehren?" Die Antwort der Redaktion: „Sie können nicht als Männer angesehen werden, wenn ‘verkehren’ irgendetwas anderes heißt als mit sexuell Degenerierten zu sprechen oder sie zu grüßen. Wenn du Anarchist bist, heißt das, daß du moralisch aufrechter und körperlich stärker bist als der durchschnittliche Mann. Und derjenige, der Invertrierte mag, ist kein richtiger Mann, und daher auch kein richtiger Anarchist." (56)
Lucia Saornils Kommentar, „wenn sie Anarchisten sind, sind sie nicht ehrlich; wenn sie ehrlich sind, sind sie keine Anarchisten" (57), von ihr in Bezug auf männliche Positionen zur Frauenbefreiung gemeint, läßt sich also durchaus auch auf das Thema Homosexualität übertragen (und vielleicht schloß es das sogar mit ein, denn Saornil, eine der Gründerin der Mujeres Libres (Freie Frauen), verbarg ihr Lesbisch-Sein nicht (58)).
Rolf Cantzen verweist in diesem Zusammenhang auf die bemerkenswerte „Verbindung eines ausgeprägten Machismo mit einem militant gewalttätigen Auftreten der Anarchisten. ... (Das) legt die Frage nahe, ob nicht der anarchistische Widerstand gegen Staat, Ausbeutung, Kirche etc. weniger von der Idee der Herrschaftslosigkeit als vielmehr von einem Machismo getragen wurde, der sich als (männer-)chauvinistische Grundhaltung jeder Einschränkung der Herrschaft des freien Mannes entgegenstellt." (59)
Diese Einschätzung wird durch aktuelle Arbeiten zu Männlichkeit gestützt. So ist gerade physische Aggressivität ein wichtiger Faktor bei den dominierenden Formen von Arbeiterklassen-Männlichkeit (60). Gerade aber eine aggressive Männlichkeit verträgt sich i.d.R. nur schwerlich mit Homosexualität, ihre Abwertung als ‘sexuell Degenerierte’ und ‘keine richtigen Männer’ ist daher notwendig, um das Bild des „richtigen anarchistischen Mannes" aufrechtzuerhalten.
Trotz aller unbestreitbaren Erfolge des spanischen Anarchismus – die ich hier keineswegs als unwichtig abtun will – stolperten hier die spanischen Anarchisten über ihren eigenen Machismo – blieben „unehrlich".

Homosexualität im Anarchismus nach 1970: Kein Thema?

Am 28./29. Juni 1969 kam es vor der New Yorker Homosexuellenkneipe „Stonewall Inn" in der Christopher Street bei einer der üblichen Polizeirazzien zu etwas unerwartetem: Schwule, Lesben, Transvestiten und Stricher wehrten sich spontan und gemeinsam – allerdings nicht gewaltfrei – gegen die Polizei, die sich schließlich im Stonewall Inn verschanzen und Verstärkung anfordern mußte. Hunderte von Menschen lieferten sich eine Straßenschlacht mit der Polizei, und auch am nächsten Tag kam es vor dem Stonewall Inn wieder zu Auseinandersetzungen (61). Auch wenn Stonewall nicht die Geburtsstunde der neuen Schwulen- und Lesbenbewegung war, so markiert es dennoch den Beginn einer neuen Phase und eines neuen Selbstbewußtseins, das auch nach Europa und damit in die BRD ausstrahlten.
In der BRD wurde 1969 von der Großen Koalition aus SPD/CDU/CSU der § 175 dahingehend entschärft, daß nun sexuelle Handlungen zwischen Männern über 21 Jahren straffrei waren (62). Beide Faktoren zusammen begünstigten den Aufschwung einer Schwulenbewegung in der BRD ab Beginn der 70er Jahre. Und ebenfalls nach Stonewall und im Zusammenhang mit der neuen Frauenbewegung entstand auch eine stärkere Lesbenbewegung, die in bestimmten Bereichen mit der Schwulenbewegung zusammenarbeitete, sich aber häufig auch von ihr abgrenzt(e) und diese als sexistisch kritisiert(e).
Die neuere anarchistische Bewegung im allgemeinen und die Graswurzelbewegung im besonderen haben ihre Ursprünge in der gleichen Zeit. So gründete sich z.B. die Gewaltfreie Aktion Augsburg 1969 und die Nullnummer der Graswurzelrevolution erschien 1972. Der umfassende Ansatz der Graswurzelrevolution, alle Herrschaftsformen gleichzeitig zu thematsieren, die Forderung, daß die „politische Arbeit zur Änderung des Wirtschaftssystems gleichzeitig mit der ‘Kulturrevolution’ und der Lösung der Probleme des Einzelnen vorangetrieben werden muß" (63), erlaubten es im Gegensatz zu den K-Gruppen den GraswurzelrevolutionärInnen eigentlich nicht, die Frage der Homosexualität zum ‘Nebenwiderspruch’ zu degradieren (64). Im organisierten Anarchismus der 70er bis 90er Jahre war – und ist – (männliche) Homosexualität dennoch ein unwesentliches Thema. Versuche schwuler Anarchisten, das Thema stärker in die anarchistische Diskussion zu bringen, gab es sicherlich immer (wie es das auch bei anderen linken Gruppen gab), doch die Resonanz ihrer heterosexuellen GenossInnen blieb eher gering.
Auch in der GWR findet sich in den ersten 20 Jahren nur ein (!) Artikel, der sich explizit mit Homosexualität auseinandersetzt, und darin ging es um das Thema Homosexuelle im Militär (65). Günter Saathoffs Diplomarbeit über die Graswurzelbewegung bis 1980 erwähnt das Thema überhaupt nicht, was nicht Günter Saathoff angelastet werden kann, sondern eher ein Indiz für den Stellenwert des Themas in der Graswurzelbewegung ist (66), auch wenn vermittelt über die Kontakte zur WRI und gewaltfreien Gruppen in den USA und Großbritannien in der Auseinandersetzung mit Männlichkeit die Frage der Rolle von Ho-mophobie immer mal wieder ‘herüberschwappte’. Es verwundert nicht, daß auch in der Rezeption anarchistischer und antimilitaristischer Persönlichkeiten diese nie auch als sexuelle Wesen wahrgenommen werden, noch nicht einmal dann, wenn in ihrem Leben der Kampf für die Emanzipation der Homosexuellen einen bedeutenden Platz einnahm – wie z.B. bei Kurt Hiller und John Henry Mackay.
Vermittelt über die radikale Frauenbewegung tauchen dagegen Lesben in der GWR ab etwa Ende der 80er Jahre verstärkt auf, und anarchistische, antimilitaristische oder feministische Persönlichkeiten werden auch als Lesben wahrgenommen (67). Über die Gründe für diese Ungleichbehandlung läßt sich nur spekulieren. Mit Sicherheit gibt es eine große Überschneidung zwischen Frauen- und Lesbenbewegung, bzw. versteht sich die Lesbenbewegung (die allerdings auch nicht homogen ist) i.d.R. als Teil der Frauenbewegung. Eine Männerbewegung, als deren Teil sich die Schwulenbewegung verstehen könnte, gibt es dagegen so gut wie nicht. Als Folge dessen gibt es fast keine Überschneidung zwischen Schwulen- und Graswurzelbewegung, und unter Graswurzel-Männern ist Heterosexualität so dermaßen die Norm, daß sie sich darin wohl kaum positiv vom Rest der Bevölkerung unterscheiden – worin sich die Graswurzelbewegung allerdings wiederum nicht von anderen emanzipatorischen Bewegungen unterscheidet.

Queer zu Männlichkeit und Heterosexismus

Dabei lassen sich beide Fragen nicht trennen. Nicht nur ist Homophobie für die Konstruktion und Aufrechterhaltung der Männlichkeit des Einzelnen ein bedeutender Faktor – durch die Abwertung anderer Männer kann Mann sich in seiner Männlichkeit beweisen, auch wenn Mann nicht dem proklamierten Männlichkeitsideal entspricht –; beide Themen sind auch sonst eng miteinander verknüpft.
Zu Recht wird in der jüngeren feministischen Theorie eine Orientierung an der Kategorie ‘Frau’ problematisiert. Die Betonung der Identität ‘Frau’ – so notwendig sie politisch und analytisch sein mag, um nicht das Machtgefüge der patriarchalen Gesellschaft aus dem Blick zu verlieren – ebnet nicht nur Differenzen unter Frauen ein und subsumiert sie in der Regel unter der Identität der ‘weißen Mittelschichtsfrau’, wie z.B. die Diskussion um Rassismus in der feministischen Bewegung gezeigt hat, sie festigt gleichzeitig auch die Geschlechterdichothomie. Ist so Befreiung wirklich möglich?
Übertragen auf das Thema Homosexualität: „Konzeptionell liegt das Problem in der Vorstellung von Befreiung selbst, da diese auf der existentialistischen Annahme beruht, daß es etwas zu befreien gibt: schwule Sexualität; während die sozial-konstruktivistische Theorie sehr deutlich die Existenz einer schwulen Sexualität oder irgend einer anderen Sexualität auf dieser Ebene in Frage stellt." (68) Allerdings: auch wenn sowohl Geschlecht als auch Sexualität (und dabei vor allem auch Heterosexualität) sozial konstruiert sind, so entfalten sie dennoch eine ganz erhebliche Wirksamkeit. Diese außer Acht zu lassen, hieße „gesellschaftliche, politische, ökonomische Strukturen, durch welche – immer noch – Männlichkeit mit Herrschaft assoziiert wird" (69) aus dem Blick zu verlieren.
Eine libertäre Strategie darf also reale Machtstrukturen nicht ignorieren, aber gleichzeitig auch nicht die Dichothomien – ob nun ‘Mann’–’Frau’, ‘homo-’–’heterosexuell’ usw. – festigen. Das Konzept der queerness – oder SEXeventUALITÄTEN, wie Lena Laps es nennt – bietet dafür durchaus Anhaltspunkte, greift aber gleichzeitig zu kurz. „Sex als biologisches Geschlecht wird in seiner vermeintlich ‘natürlichen’ Realität dekonstruiert und als ein Effekt des hegemonialen Diskurses der Zweigeschlechtlichkeit demaskiert, grenzüberschreitend vervielfältigt zu postmodisch pluralisierten Sexualitäten. ... SEXeventUALITÄTEN setzen sich über Geschlecht ... und sexuelle Identitäten hinweg." (70)
Ansatzpunkte bietet es, weil es in der Konsequenz zu einer radikalen Dekonstruktion von Geschlecht und Sexualität führt. Es geht eben nicht nur um eine Vervielfältigung der Geschlechtsidentitäten, die dann aber immer noch nicht losgelöst sind vom biologischen Geschlecht, sondern sich auf diese ‘Geschlechterdifferenz’ weiter beziehen, son-dern „um die Frage der Abschaffung des Geschlechts als soziale Struktur. ... Soziales Geschlecht ist die Verbindung der Bereiche soziale Praxis und reproduktive Teilung, die Konstruktion einer darin liegenden Bedeutung. Ihre Abschaffung wäre logischerweise eine Frage der Entkopplung dieser Bereiche. Das bedeutet keine Verunglimpfung oder Leugnung biologischer Differenz; gleichermaßen aber auch keine Zelebration dieser. Differenz zwischen den biologischen Geschlechtern wäre einfach eine Ergänzung in der Funktion der Reproduktion, keine kosmische Teilung oder ein gesellschaftliches Schicksal. Es gäbe keinen Grund mehr dafür, daß biologische Differenz emotionale Beziehungen strukturiert, so daß die Kategorien heterosexuell und homosexuell unbedeutetend würden. Es gäbe keinen Grund, warum diese Differenz Charakter strukturieren sollte, so daß Männlichkeit und Weiblichkeit verschwinden würden." (71)
Zu kurz greift es, weil das Konzept der queerness eine Wahlmöglichkeit vortäuscht, die so nur für wenige in priviligierten Verhältnissen gegeben ist. Auch wenn ich mich queer gebe, stelle ich als schwuler Mann patriarchale Männlichkeit erstmal nicht gesellschaftlich in Frage, sondern setze mich der (gewaltsamen) Repression durch patriarchal-heterosexistische Männlichkeit aus (72). Und habe andererseits aber auch die Möglichkeit, bei entsprechendem Auftreten (eben nicht queer) die mit Männlichkeit in dieser Gesellschaft verbundenen Privilegien auch zu genießen. Lediglich ‘spielerisch’ Identitäten zu wechseln und so zu tun, als hätten diese heute real eben keine soziale Bedeutung, mag zwar ein spannendes Spiel mit dieses Geschlechter- und Sexualitätsidentitäten sein – ist aber eben auch nicht mehr.
Wenn daher die ‘Dekonstruktion der Geschlechter’ nicht auf ein Modell der an Männlichkeit orientierten Eingeschlechtlichkeit hinauslaufen soll, sind also in Sachen ‘Vervielfältigung der Identitäten’ gerade auch (heterosexuelle) Männer gefordert, sich von Männlichkeit und Heterosexualität als sozialen Konstrukten ihrer selbst zu verabschieden und ins Feld der queerness, dem Spiel mit SEXeventUALITÄTEN, zu begeben, und somit gerade die Dekonstruktion von männlich-heterosexuellen Identitäten voranzutreiben.

 

Andreas Speck

Anmerkungen:

(1) vgl. z.B. Chris Hirte (Hrsg.): Erich Mühsam, Tagebücher 1910–1924. 1994
(2) vgl. z.B. Revista Blanca, Nr. 30, 26. Juli 1935
(3) Proudhon ist als Frauen- und Homosexuellenfeind bekannt, vgl. dazu z.B. Rolf Cantzen: Weniger Staat – mehr Gesellschaft, S. 147 oder David F. Greenberg: The Construction of Ho-mosexuality, S. 353; Horst Stowasser weigert sich – trotz wiederholt geäußerter Kritik, nicht nur von Anarchafeministinnen – immer noch, die feminisierte Sprachform zu gebrauchen und ignoriert Anarchistinnen, z.B. in seinem Buch „Leben ohne Chef und Staat", beharrlich.
(4) In der Literatur des 19. Jahrhunderts ist von Homosexualität häufig als ‘Sodomie’ die Rede. Unter diesem Begriff wird jedes sexuelle Verhalten zusammengefaßt, das vom ‘normalen’ heterosexuellen Geschlechtsakt abweicht. Sodomie kann also auch Analverkehr zwischen Mann und Frau und Fellatio mit umfassen, kann aber auch nur im Sinne von Analverkehr unter Männern gebraucht werden. Der Begriff ‘Homosexualität’ wurde Mitte des 19. Jahrhunderts vom ungarischen Arzt Kertbeny zum ersten Mal verwendet und setzte sich erst langsam durch. Damit verbunden ist allerdings auch eine Neukonzipierung, denn ‘Sodomie’ konzentrierte sich auf den Akt, während ‘Homosexualität’ die Identität der Persönlichkeit umfaßt.
(5) zitiert nach Greenberg, a.a.O., S. 353, Übersetzung: AS
(6) Jean Paul Aron und Roger Kempf: La pénis et la demoralisation de l’occident. Paris 1978, zitiert nach Greenberg, a.a.O., S. 353
(7) Saskia Poldervaart: Theories about Sex and Sexuality in Utopian Socialism. In: Gert Hekma, Harry Oosterhuis, James Steakley (Hrsg.): Gay Men and the Sexual History of the Political Left. New York/London 1995
(8) Fouriers „Le Nouveau Monde amoureux" wur-de 1818 geschrieben, aber weder von ihm noch von seinen SchülerInnen veröffentlicht. Eine Veröffentlichung erfolgte erst 1967. In der deutschen, 1977 im Klaus Wagenbach-Verlag erschienenen Ausgabe „Aus der neuen Liebeswelt" sind nur Auszüge veröffentlicht. Gerade die Passagen zu den „zwiespältigen" Leidenschaften (worunter auch Homosexualität fällt) sind nicht aufgenommen, obwohl sie „die für seine Zeit waghalsigste sexologische Neuerung" waren. (Daniel Guerin: Vorwort zu Charles Fourier „Aus der neuen Liebeswelt", Berlin 1977)
(9) Päderastie bezeichnete i.d.R. männliche Homosexualität und bedeutete nicht unbedingt ein sexuelles Verhältnis zwischen einem Mann und einem Jungen. Daß Fourier hier schlicht schwule Liebe im Sinn hatte, ergibt sich zum einen aus dem Zusammenhang – vorher erwähnt er die ‘sapphische’ Liebe – zum anderen daraus, daß Fourier explizit Kinder bis 15 ½ Jahren aus seiner sexuellen Freiheit ausnimmt, da er ihnen jedes sexuelle Verlangen abspricht. Vgl. Saskia Poldervaart, a.a.O., S. 49
(10) Simone Debout, 1967, zitiert nach Saskia Poldervaart, a.a.O., S. 49, Übersetzung: AS
(11) Rolf Cantzen, a.a.O., S. 149
(12) Saskia Poldervaart, a.a.O., S. 50; Daniel Guerin, a.a.O., S. 31
(13) Madame Gatti de Gamond: Réalisation d’une commune sociétaire d’après les théories de Fourier, zitiert nach Guerin, a.a.O., S. 31
(14) Hekma, Oosterhuis, Steakley: Leftist Sexual Politics and Homosexuality: A Historical Overview. In: Gert Hekma, Harry Oosterhuis, James Steakley (Hrsg.), a.a.O., S. 27, Übersetzung: AS; Greenberg, a.a.O., S. 453f, weist darauf hin, daß in der britischen ArbeiterInnenklasse temporäre homosexuelle Beziehungen und Akzeptanz für körperlichen Kontakt charakteristisch für die Lebensweise waren. Und für Daniel Guerin war es kein Problem im Frankreich der 30er Jahre und in Amerika nach dem 1. Weltkrieg unter Arbeiterklassejugendlichen Sexualpartner zu finden – allerdings schweigt sich Greenberg darüber aus, ob Guerin dabei die ‘aktive’ oder ‘passive’ Rolle meinte, was nicht unerheblich ist.
(15) David F. Greenberg, a.a.O., S. 386ff
(16) vgl. z.B. Thomas Kühne (Hrsg.): Männergeschichte – Geschlechtergeschichte. Männlichkeit im Wandel der Moderne. Frankfurt/New York 1996. Besprechung in GWR 213
(17) Karl Friedrich Hartmann: Ein Emanzipationswerk der Kulturbestrebungen. In: Neues Leben Nr. 6, 1902, Nr. 7, Nr. 8, Nr. 10, Nr. 12, Nr. 13, zitiert nach: Walter Fähnders: Kampfobjekt Homosexualität. In: Erich Mühsam: Die Homosexualität. München 1996
(18) Neues Leben Nr. 13, zitiert nach Walter Fähnders 1996, a.a.O.
(19) Albert Weidner: Strafrecht und öffentliche Moral im Bunde gegen die Humanität. In: Der freie Arbeiter, 1904, Nr. 20, zitiert nach Walter Fähnders 1996, a.a.O.
(20) zu Mackay unter dem Aspekt seines Kampfes für die Homosexualität: Hubert Kennedy: Anarchist of Love, 1996, 2. erw. Auflage. Eine überarbeitete Version der 1. Auflage erschien 1988 auf deutsch, ist aber mittlerweile vergriffen: Hubert Kennedy: Anarchist der Liebe: John Henry Mackay als Sagitta. Berlin 1988
(21) Walter Fähnders: Anarchism and Homosexuality in Wilhelmine Germany: Senna Hoy, Erich Mühsam, John Henry Mackay. In: Gert Hekma, Harry Oosterhuis, James Steakley (Hrsg.), a.a.O.; zu Mackays Individualanarchismus siehe auch die Besprechung seines Romans „Die Anarchisten" in GWR 176
(22) Sagitta (d.i. John Henry Mackay): Gehör! – Nur einen Augenblick! ... Ein Schrei. 6. Buch der ‘Bücher der namenlosen Liebe’, Berlin 1979, S. 455
(23) Hubert Kennedy, a.a.O., S. 28
(24) Sagitta: Die Bücher der namenlosen Liebe. Reprint der Ausgabe von 1924. Berlin 1979
(25) Sagitta: Die Geschichte eines Kampfes (1913). a.a.O., S. 63
(26) ebenda, S. 51
(27) wie z.B. Adolf Brands „Gemeinschaft der Eigenen" um die Zeitschrift „Der Eigene", zwar die erste Homosexuellenzeitschrift, aber gerade in ihrem Männlichkeitskult problematisch.
(28) Sagitta: Die Geschichte eines Kampfes, a.a.O., S. 63
(29) Tim Edwards: Erotics and Politics. Gay Male Sexuality, Masculinity and Feminism. London/New York 1994, Übersetzung: AS
(30) Greenberg, a.a.O., S. 399f
(31) Greenberg geht davon aus, daß in der Frühzeit der Moderne homosexuelle Beziehungen i.d.R. ‘generationenübergreifend’ (transgenerational) waren, auch wenn in der homosexuellen Subkultur in den Städten des 18. und 19. Jahrhunderts (z.B. die ‘Molly Houses’ in Großbritannien) bereits Beziehungen zwischen Erwachsenen die Regel waren. Im groben führten allgemein die gesellschaftlichen Veränderungen dazu, daß gleichberechtigte Beziehungen zwischen Gleichaltrigen zur Norm wurden, auch wenn die ‘Jünglingsliebe’ nicht verschwand. Vgl. Greenberg, a.a.O., S. 399
(32) Sagitta: Der Puppenjunge. Bücher der namenlosen Liebe, Bd. 2, Berlin 1979
(33) Michael Alhonte: Confronting Ageism. In: D Tsang (Hrsg.): The Age Taboo: Gay Male Sexuality, Power and Consent. London 1981, zitiert nach Edwards, a.a.O., S. 72, Übersetzung: AS
(34) ebenda
(35) Senna Hoy (Johannes Holzmann): Das dritte Geschlecht. Ein Beitrag zur Volksaufklärung. Berlin 1903
(36) von der Zeitschrift „Kampf" erschienen insgesamt 25 Ausgaben, von denen 11 von den Zensurbehörden verboten wurden (vgl. Walter Fähnders, 1995, S. 126). Nach Max Nettlau machte die „Berliner Zeitschrift ‘Kampf’, die sich mit Homosexuellen beschäftigt, einen unerfreulichen Eindruck". Und ebenfalls nach Nettlau hatte sich Gustav Landauer angewöhnt, die „roten Hefte" des Kampf gleich in den Mülleimer zu schmeißen (nach W. Fähnders, 1995, Fußnote 32, S. 148f).
(37) Zur Politik der Sozialdemokratie vgl. Detlef Grumbach (Hrsg.): Die Linke und das Laster. Hamburg 1995; darin insbesondere den Beitrag von D. Grumbach: Die Linke und das Laster. Arbeiterbewegung und Homosexualität zwischen 1870 und 1933, der sich vor allem mit der Politik von SPD und KPD beschäftigt.
(38) zitiert nach Walter Fähnders, 1995, a.a.O.; Rückübersetzung aus dem englischen durch AS
(39) ebenda, S. 125
(40) Erich Mühsam: Die Homosexualität. Ein Beitrag zur Sittengeschichte unserer Zeit. 1903. Reprint München 1996. Besprechung in GWR 212, Libertäre Buchseiten
(41) Erich Mühsam in „Der arme Teufel", Jg. 2, Nr. 24, 7.11.1903
(42) vgl. GWR 212, W. Fähnders, 1996, a.a.O.
(43) Hubert Kennedy, a.a.O.
(44) Hartmut Rübner: Anarchismus und Sexualreform. In: GWR 180
(45) Jenny d’Hericourt argumentiert in ihrem Beitrag „Zur syndikalistischen Frauenbewegung 1918–1933" in die Richtung, daß allein die Existenz der syndikalistischen Frauenbünde und die in Artikeln in Der Syndikalist vertretenen Auffassungen noch wenig über die Einstellung und das Verhalten der Miglieder der FAUD aussagen. Das läßt sich wohl auf die Einstellung zur Homosexualität übertragen. In: Wege des Unghorsams. Jahrbuch für gewaltfreie und li-bertäre Aktion, Politik und Kultur. Kassel 1984
(46) Heide Schlüpfmann: Helene Stöcker. In: Rüdiger Lautmann (Hrsg.): Homosexualität: Hand-buch der Theorie- und Forschungsge-schichte. Frankfurt/New York 1993, S. 105
(47) Hans-Georg Stümke: Homosexuelle in Deutschland. Eine politische Geschichte. München 1989
(48) vgl. Hans-Günter Klein: Kurt Hiller. In: Rü-diger Lautmann (Hrsg.), a.a.O.
(49) Emilianne Morin, nach Rolf Cantzen, a.a.O.
(50) George Woodcock: Anarchism. London 1970, S. 348
(51) Richard Cleminson: Male Inverts and Ho-mosexuals: Sex Discourse in the Anarchist Re-vista Blanca. In: Gert Hekma, Harry Oosterhuis, James Steakley (Hrsg.), a.a.O., S. 259ff. Fe-derica Montseny gehörte zu den führenden Köpfen des spanischen Anarchismus und wurde eine der vier CNT-MinisterInnen bei der Regierungsbeteiligung der CNT ab dem 4. November 1936; vgl. Pierre Broué und Emile Témine: Revolution und Krieg in Spanien. Frankfurt 1968, 2 Bde.
(52) Richard Cleminson, a.a.O.
(53) Revista Blanca Nr. 297, 28. September 1934, nach R. Cleminson, a.a.O.
(54) So z.B. in einem Artikel des italienischen Anarchisten Camillo Berneri: „La degeneración sexual en les escuelas", Nr. 118, 15. April 1928. Darin heißt es: „Die meisten Informationen über den korrumpierenden Einfluß der Schule wurden von denen vorgelegt, die psychopathische sexuelle Störungen untersuchen. Alle diese Experten sind sich einig, daß die Schule die Entwicklung dieser unnormalen Tendenzen fördert, und sogar invertierte Leidenschaften anregen kann."; zitiert nach R. Cleminson, a.a.O., S. 264, Übersetzung: AS
(55) vgl. zum Konzept des modernen Homosexuellen z.B. Greenberg, a.a.O.
(56) Revista Blanca Nr. 30, 26. Juli 1935, zitiert nach R. Cleminson, a.a.O., S. 272
(57) zitiert nach Rolf Cantzen, a.a.O., S. 146
(58) Richard Porton: Ciném Anarchie – Mujeres Libres: Spurensicherung einer Befreiung. Filmbesprechung in Schwarzer Faden Nr. 33 (Sondernummer Feminismus – Anarchismus)
(59) Rolf Cantzen, a.a.O., S. 147
(60) R. W. Connel: Gender and Power. Oxford 1987
(61) Zu Stonewall vgl. ausführlich: Martin Du-bermann: Stonewall. New York 1994; David Deicher (Hrsg.): Over the Rainbow. Lesbian and Gay Politics in America since Stonewall. London 1995
(62) Hans-Georg Stümke, a.a.O., S. 152. Ab 1973 wurde das Alter auf 18 Jahre herabgesetzt. Abgeschafft wurde der § 175 in Westdeutschland erst 1994 im Zuge der ‘Rechtsvereinheitlichung’ nach der Einverleibung der DDR. In der DDR wurde Homosexualität zwischen Erwachsenen 1968 entkriminalisiert. Die vollständige Gleichstellung mit Heterosexuellen erfolgte 1988; vgl.: Günter Grau in: Detlef Grumbach (Hrsg.), a.a.O.
(63) Was heißt Graswurzelrevolution? GWR Nr. 1, 1972
(64) zur Politik der neuen Linken – allerdings ohne Berücksichtigung des Anarchismus – vgl.: Elmar Kraushaar: „Nebenwidersprüche" Die neue Linke und die Schwulenfrage in der Bundesrepublik der 70er und 80er Jahre. In: Detlef Grumbach (Hrsg.), a.a.O.; zu den USA vgl.: David Thorstad: Homosexuality and the American Left: The Impact of Stonewall. In: Gert Hekma, Harry Oosterhuis, James Steakley (Hrsg.), a.a.O.
(65) GWR 46: Schwule ins Militär? Therapie gefällig?
(66) Günter Saathoff: „graswurzelrevolution" – Praxis, Theorie und Organisation des gewaltfreien Anarchismus in der Bundesrepublik 1972–1980. Diplomarbeit, Marburg 1980; ich glaube nicht, daß hier die GWR untypisch für die jüngere anarchistische Bewegung ist. Auch wenn ich z.B. den Schwarzen Faden oder die ‘direkte ak-tion’ nicht bis zur Nullnummer zurückverfolgt habe, so gehe ich davon aus, daß es sich nicht viel anders verhält.
(67) vgl. z.B.: GWR 136: Lesbe aus politischen Gründen inhaftiert; GWR 146: Der patriarchale Staat basiert auf heterosexistischer Sexualpolitik; GWR 174: Audre Lorde
(68) Tim Edwards, S. 152, Übersetzung: AS
(69) Lena Laps: Hauptsache Bewegung. Von der Frauen- und Lesbenbewegung zum Spiel mit SEX-eventUALITÄTEN? blätter des iz3w Nr. 219
(71) R. W. Connel, a.a.O., S, 287. Allerdings wird Connel bei diesem Gedanken dann doch unheimlich, und so plädiert er statt für De-kon-struktion für Rekonstruktion der Geschlechter, die nicht-hierarchisch sein soll. Kommt hier wieder die Angst des hetereosexuellen Mannes vor der Homosexualität durch?
(72) bezeichnend übrigens, daß ‘Cross-Dressing’ für Männer weniger akzeptiert ist als für Frauen. Während es kaum noch Kleidung gibt, die Frau nicht tragen kann sondern eindeutig für Männer reserviert ist, typische Männerkleidung also im Verschwinden begriffen ist, so gilt ein Mann in Frauenkleidern immer noch als Kuriosum oder Transvestit. Vielleicht ein Indiz dafür, daß trotz Frauenbewegung Mann immer noch die Norm darstellt, der Frau sich zwar annähern kann, aber nicht umgekehrt? Vielleicht ein Indiz dafür, daß eine Pluralisierung möglicher Rollen für Frauen bereits stattgefunden hat (ohne das dadurch das Patriarchat verschwunden wäre), eine Pluralisierung von Rollen für Männer aber noch lange nicht?



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Article | by Dr. Radut