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"Gender" oder: was haben Körpersprache und Militarismus miteinander zu tun?

"Es gibt kein anderes persönliches Identitätsmerkmal in unserer Kultur, das einen vergleichbar gravierenden Einfluß auf das alltägliche Verhalten und die symbolische Selbstdarstellung und Kommunikation von Individuen hat, wie das Merkmal Geschlecht."
Gitta Mühlen Achs

"Gender", soziales Geschlecht, ist ein wesentliches Merkmal unserer Gesellschaft. Diese zu verändern ist das Ziel von Empowerment, und damit liegt die Bedeutung von "gender" eigentlich auf der Hand. Wenn Empowerment bedeutet, eigene Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und Situationen entsprechend der eigenen Bedürfnisse zu gestalten, so drängt sich die Frage auf, ob die Handlungsmöglichkeiten für Frauen und Männer gleich sind; ob Männer vielleicht gar häufig in der gemeinsamen Arbeit dem Empowerment von Frauen im Wege stehen?

Ausgehend von diesen Fragen haben wir eine Diskussion begonnen, die sich mit der Bedeutung von Gender in der politischen Arbeit auseinandersetzt, mit dem Ziel, Gender als einen wichtigen Aspekt in unsere alltägliche Arbeit und in unsere Seminararbeit zu integrieren.

 

Was ist Gender?

Durch das Entstehen der neuen Frauenbewegung in den 70er Jahren wurde der Blick geschärft auf die besondere Erfahrung von Frauen, die in der männlich dominierten Wissenschaft und Politik meist schlicht "vergessen" wurde. Es entstand jedoch die Notwendigkeit, neue Begriffe zu finden, da diese spezifischen Unterschiede zwar mit dem biologischen Geschlecht zusammenhängen, aber nicht als "natürlich" angesehen werden können.

"Gender", im deutschen "soziales Geschlecht", steht für all diejenigen Erwartungen, Verhaltensregeln und Ausdrucksformen, die entweder dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden, ohne daß es dafür irgendeinen biologischen Ursprung gäbe. Das bedeutet zum Beispiel, die Annahme Jungen würden lieber mit Autos, Mädchen lieber mit Puppen spielen, gehört zu dem Aspekt Gender. Und während "Samen geben" und "Kinder gebären" deutlich dem biologischen Geschlecht zuzuordnen sind, sind "Vater" und "Mutter" soziale Konstruktionen bzw. Rollenerwartungen. Gender drückt also aus, wie sich die patriarchalen Machtverhältnisse in unterschiedlichen Erwartungen an und Möglichkeiten von Männern und Frauen niederschlagen.

 

Männlichkeit"

Doch weder gibt es nur eine "Weiblichkeit", noch nur eine "Männlichkeit". Allerdings gibt es sehr wohl ein Bild der Männlichkeit, das quasi als Ideal die Maßstäbe setzt und allen anderen Männlichkeiten übergeordnet ist. Diese "hegemoniale Männlichkeit" meint nach Connell eine, in sozialen Praktiken konstruierte und sich verändernde, dominante Form von Männlichkeit, die sich über die Abwertung und Unterordnung sowohl von Frauen, als auch von 'untergeordneten Männlichkeiten' konstituiert. Hegemonie bedeutet soziale Überlegenheit - eine Überlegenheit, die nicht allein auf physischer Gewalt (oder ihrer Androhung) beruht, sondern ein hohes Maß an Einverständnis und Zustimmung der Beherrschten erfordert, und sie ist eingebettet in weitreichende und differenzierte kulturelle Prozesse.

Die verschiedenen bestehenden Männlichkeiten stehen daher in einem hierarchischen Verhältnis zueinander. Das wichtigste Kennzeichen aktueller hegemonialer Männlichkeit, als die vielleicht der Typ des Managers angesehen werden kann, ist immer noch Heterosexualität, eng verknüpft mit der Institution der Ehe. Eine Schlüsselform der untergeordneten Männlichkeit dagegen ist Homosexualität. Kennzeichen der untergeordneten Männlichkeiten ist, daß sie häufig vage definiert sind. Der hegemoniale Charakter des Ideals führt zu einer Blockade von Gegenmodellen, so daß diese sich nicht entfalten können, als Alternativen nicht erkennbar werden und leichter in Ghettos, in die Privatheit oder in das Unbewußte abgeschoben werden können.

Gemeinsam ist aber allen Männlichkeiten das Machtverhältnis gegenüber Frauen. Während es unterschiedliche Modelle von Männlichkeit gibt, bei denen eine bestimmte Form über die andere herrscht, gibt es eine männliche 'Koalition' gegenüber Frauen, die allen Männern zumindest eine Teilhabe an der hegemonialen Männlichkeit ermöglicht, was Connell mit dem Begriff der "patriarchalen Dividende" bezeichnet.

 

"Weiblichkeit"

Dagegen gibt es keine Form der Weiblichkeit, die im vergleichbaren Sinne hegemonial wäre. Aber es gibt auf gesellschaftlicher Ebene eine eindeutige Definition: die globale Unterordnung von Frauen unter Männer ist die entscheidende Basis der Unterscheidung von Weiblichkeiten. Die "betonte" (emphasized) Weiblichkeit - als deren Ideal vielleicht immer noch die Hausfrau und Mutter angesehen werden kann - zeichnet sich durch Einwilligung in diese Unterordnung aus und orientiert sich an der Erfüllung der Wünsche und Anforderungen der Männer.

Der wesentliche Unterschied zur hegemonialen Männlichkeit liegt darin, daß alle Formen der Weiblichkeit in der Gesellschaft Konstruktionen im Kontext der allgegenwärtigen Unterordnung von Frauen unter Männer sind. Aus diesem Grund nimmt auch die "betonte" Weiblichkeit unter Frauen nicht die Position ein, die hegemoniale Männlichkeit unter Männern einnimmt. Eine der Folgen ist, daß es weniger Druck gibt, andere Formen der Weiblichkeit zu negieren, wie hegemoniale Männlichkeit andere Formen der Männlichkeit negiert. Aktuell spiegeln daher Weiblichkeiten eine größere Spannbreite wieder als Männlichkeiten, ohne daß sie allerdings der Unterordnung unter Männer entfliehen könnten.

Allen Konstruktion von Weiblichkeiten ist daher eine Auseinandersetzung mit der Dominanz heterosexueller Männer eigen: die Frage der Einwilligung zu bzw. des Widerstandes gegen diese Dominanz ist dabei zentral. (Connell 1987, S. 183- 187).

 

Doing Gender

Mit dem Begriff "Doing Gender" wird all das bezeichnet, was wir jeden Tag tun, um als "richtige" Frau oder "richtiger" Mann wahrgenommen zu werden. Diese Verhaltensweisen sind uns zum Teil unbewußt, nichtsdestotrotz haben sie einen erheblichen Anteil an der Aufrechterhaltung und Reproduzierung der patriarchalen Machtverhältnisse. Zum Beispiel werden 70 % unserer sozialen Informationen über die Körpersprache ausgetauscht, d.h. Körpersprache eignet sich hervorragend zur Ritualisierung von Geschlecht - zum "Doing Gender" -, da wir sie in jeder Minute äußern und leben.

Nach G. Mühlen Achs existieren zwei Körpersprachen. Zum einen gibt esdie Körpersprache, die unser natürliches Kommunikationsinstrument ist, die gewissermaßen eine menschliche Ausdrucksweise ist, und für alle Kulturen gleichermaßen gilt, z.B Lachen und Weinen als Ausdruck von Freude und Trauer. Zum anderen existiert die Körpersprache, die durch gesellschaftliche Regeln bestimmt und gesteuert wird, die z.B: Männern und Frauen eine jeweils andere Körpersprache vorschreibt.

Körpersprachliche Zeichen können also auf zweifache Weise gedeutet werden: entweder sind sie Ausdruck tatsächlicher innerer Gefühle oder sie spiegeln die gesellschaftlichen Konventionen wieder, ohne daß auf den tatsächlichen Gefühlszustand geschlossen werden kann.

Die gesellschaftlichen Konventionen weisen den Geschlechtern eine jeweils andere Körpersprache zu, die während der weiblichen und männlichen Sozialisation erlernt und verinnerlicht wird, und von da an in der Regel unbewußt unseren Körperausdruck formt. Dies bedeutet eine Ritualisierung der Körpersprache, d.h. Darstellungen, die ausschließlich Männern zugewiesen oder gestattet werden, können auch als "Männlichkeitsrituale" bezeichnet werden. Sie dienen der Zurschaustellung jener tief in unserer Kultur verankerten Idealvorstellungen von Männlichkeit, die Männer selbstbewußt, stark, autonom, robust und wettbewerbsorientiert erscheinen lassen.

Frauen dagegen entsprechen dem Weiblichkeitsideal, wenn denjenigen Merkmalen (Körper-) Ausdruck verschafft wird, die den typischen ritualisierten Weiblichkeitsdarstellungen entsprechen: Emotionalität, Beziehungsorientiertheit, Einfühlungsvermögen und Bereitschaft zur Selbstaufgabe.

Durch die Ritualisierung der Körpersprache wird jedem Geschlecht ein nur sehr eingeschränktes körpersprachliches Verhaltensrepertoire erlaubt. Dadurch werden nicht nur die jeweiligen Ausdrucksmöglichkeiten stark eingeschränkt, sondern wird auch die Kommunikation zwischen den Geschlechtern auf gleicher Ebene praktisch verunmöglicht: "Das Frauen als angemessen zugewiesene Repertoire befähigt sie vor allen Dingen zur differenzierten Kommunikation auf emotionaler Ebene, beeinträchtigt aber durch die Tabuisierung dominanter Ausdrucksformen die Kommunikation auf vertikaler Ebene, bzw. legt Frauen innerhalb hierarchisch strukturierter Muster faktisch auf den Ausdruck von Unterordnung und Unterwerfung fest. Umgekehrt befähigt das 'männliche' Repertoire seine Protagonisten einseitig zur Kommunikation auf vertikaler Ebene. Hegemoniale Männlichkeit wird durch Verhaltensmuster zum Ausdruck gebracht, die Dominanz und Überlegenheit auf aggressive Weise signalisieren. In diesem Kontext kann der Ausdruck 'weicher' Emotionen nur als Zeichen der Schwäche interpretiert werden."(Mühlen Achs 1998, S. 34)

Vor dem Hintergrund der Natürlichkeit entfalten die Rituale eine auf das Selbst (Selbstwertgefühl, Selbstsicherheit, Durchsetzungsvermögen) enorm zurückwirkende Kraft. Da sie uns als natürlich erscheint, stellen wir unsere Körpersprache nicht in Frage. Körpersprache wirkt in hohem Maß auf unsere Gefühle, d.h. die dem Weiblichkeitsritual entsprechende Körpersprache produziert Unterlegenheitsgefühle und Unsicherheit, während das Ritual der männlichen Körpersprache Selbstsicherheit, Selbstbewußtsein und Durchsetzungsvermögen ermöglicht. Somit ist die Körpersprache ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen "doing gender", mit dem - auch unbewußt - das patriarchale Machtgefälle zwischen Männern und Frauen aufrechterhalten wird.

 

Militarismus und Männlichkeit

Das Reden über Macht in den Geschlechterbeziehungen, wie sie sich unter anderem in der Körpersprache ausdrückt, ist jedoch nicht möglich, ohne dabei die "institutionalisierte Männlichkeitserziehung der staatlichen Eliten" miteinzubeziehen. Männlichkeit ist nach Robert Connell genausogut ein Aspekt von Institutionen, wie sie ein Aspekt von Persönlichkeit ist (Connell 1995, S. 27).

Das Militär ist zweifellos immer noch eine Institution, die quasi als "Schule der Nation" Männlichkeit formt. Im Bild des "Kriegers" werden nahezu alle Attribute der Männlichkeit auf die Spitze getrieben: körperliche Härte, Aggressivität, Kampfbereitschaft, Risikobereitschaft, absolute Kontrolle von Gefühlen bis hin zur Gefühllosigkeit, (Selbst-)Disziplin, Heterosexualität, sexuelle Aktivität, etc... Dabei verwundert es dann nicht, daß die reale Ausprägung des "Kriegers" im soldatischen Mann mit einer ebenso auf die Spitze getriebenen Frauenverachtung verbunden ist.

Im Militarismus zeigt sich sehr deutlich die Verbindung männlicher Institutionen mit Männlichkeit als Ausdruck der Persönlichkeit. Die moderne Staatsstruktur als Produkt militärischer Auseinandersetzungen - alle heutigen Nationalstaaten sind durch Krieg entstanden und beruhen auf einer ausgeprägten Institutionalisierung männlicher Macht. Die zentrale Bedeutung der Kriegführung in dieser Entwicklung der Staatlichkeit bedeutet, daß Armeen ein entscheidender Teil in der Entwicklung von Staatsapparaten wurden, und damit verbunden wiederum wurde militärische Leistung ein unumgänglicher Gesichtpunkt in der Konstruktion von Männlichkeit.

War der Zeitraum von der deutschen Reichsgründung 1871 bis zum Ende des zweiten Weltkrieges von einer - nicht bruchlosen - Durchsetzung einer militarisierten Männlichkeit bestimmt, die im Faschismus vielleicht sogar zur "hegemonialen Männlichkeit" wurde, so büßte die Betonung militärischer Attribute der Männlichkeit nach 1945 ihren idealbildenden Status ein. Gerade in Deutschland rückten nicht-militärische Männlichkeiten nach oben auf, wie z.B. der zivilere Typ des Managers, der sich aber gerade heute vor allem durch Aggressivität und Durchsetzungsvermögen auszeichnet (und vielleicht ist der neue Kanzler Gerhard Schröder ein Prototyp dieser Form der Männlichkeit).

Dies geht einher mit einer veränderten Militärstrategie, die auf "humanitäre Einsätze" und "chirurgische Bombardierungen" setzt. Dabei geht es nicht mehr um körperliche Stärke und Fronteinsätze als Attribut von militärischer Männlichkeit, sondern um Technikbeherrschung und Abgebrühtheit. Die Neuordnung der Männlichkeiten mit dem Aufstieg des eiskalten Managers zur hegemonialen Form liegt damit auch im Interesse des Militärs, für die das Bild des Kriegers schon lange disfunktional geworden war.

 

Geschlechter dekonstruieren?

Geht es nun darum, eine Gleichberechtigung der Geschlechter zu erreichen, oder geht es um mehr, um etwas anderes? Aus unserer Sicht geht es nicht um neue, dann "gleichberechtigte", Männer- und Frauenrollen, sondern darum, die Bedeutung des Merkmals "Geschlecht" im Sinne einer "Dekonstruktion" zu reduzieren, ja zum Verschwinden zu bringen. Das heißt nicht, daß alles in einem Einheitsbrei aufgehen soll, die "hegemoniale Männlichkeit" und als Gegenstück "Weiblichkeit" durch eine neue Norm des "Mensch-Seins" ersetzt werden soll, sondern verschiedene Formen der Selbstdefinition sollen perspektivisch vom "Geschlecht" entkoppelt werden und somit sowohl für Männer und Frauen möglich sein. Damit würde dann letztlich die Kategorie "gender" zum Verschwinden gebracht, "dekonstruiert"; die Bedeutung des biologischen Geschlechts auf die Relevanz der Kategorien "Haarfarbe" oder "Schuhgröße" reduziert, und somit für Männer und Frauen mehr Freiheit eröffnet.

Imke Kreusel und Andreas Speck

 



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Article | by Dr. Radut