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Zwischen allen Stühlen?

Schwul in der gewaltfreien Bewegung
- gewaltfrei in der Schwulenbewegung

Als schwuler Mann in der gewaltfreien Bewegung aktiv zu sein, ist nicht immer ganz einfach. Ebenso ist es nicht unkompliziert, als Gewaltfreier sich in der Schwulenbewegung zu engagieren, oder sich gar in der schwulen Szene »zu Hause« zu fühlen. Es scheint, als liessen sich diese beiden Facetten meiner Persönlichkeit nur schwer miteinander vereinbaren. Das Gefühl stellt sich ein, »zwischen allen Stühlen« zu sitzen und nirgendwo richtig dazu zu gehören, nirgendwo mit der ganzen Persönlichkeit akzeptiert zu werden.

Mit diesem Artikel will ich genau diese Fragen zur Diskussion stellen. Es muss doch mehr Schwule in der gewaltfreien Bewegung geben, denen die gleichen Fragen unter den Nägeln brennen (geht man von den üblichen 5-10% aus, dann müssten z.B. bei X-tausendmal quer im Wendland 1997 ca. 225-450 Schwule dabei gewesen sein wo sind sie?)? Es muss doch mehr Gewaltfreie in der Schwulenbewegung geben (übliche Prozentzahlen gibt es hierzu nicht), die in der Schwulenbewegung/Szene so ihre Probleme haben? Trotzdem sind diese Fragen nirgends Thema.

 

Schwul in der gewaltfreien Bewegung

Die gewaltfreie Bewegung hat sich in der Theorie die Bekämpfung von direkter und struktureller Gewalt und damit auch von Heterosexismus und antischwuler Gewalt auf die Fahnen geschrieben. Trotzdem fällt auf, dass schwule Themen in der Praxis der gewaltfreien Bewegung keine Rolle spielen, und auch in den Medien der Bewegung (Graswurzelrevolution, antimilitarismus information, illoyal, FriedensForum, etc...) eigentlich keine Rolle spielen. Auch beim Thema Alltagsgewalt wird Gewalt gegen Schwule in der Regel nicht wahrgenommen gedacht wird an rassistisch motivierte Gewalt, an Gewalt im Stadtteil, an (Jugend)Kriminalität. So weit, so schlecht.

Darüber hinaus wird in der Bewegungskultur die Existenz von Schwulen schlicht nicht wahrgenommen. Heterosexismus ist in der gewaltfreien Bewegung Alltag (nicht mehr als in der ‘normalen’ Bevölkerung aber auch nicht weniger); offene Homophobie dagegen gibt es zum Glück selten.

Als Heterosexismus wird ein System bezeichnet, nach dem Heterosexualität die angenommene Norm darstellt. Heterosexismus ist weit verbreitet und häufig schwer auszumachen. Heterosexismus zwingt Schwule und Lesben permanent gegen ihre Unsichtbarkeit zu kämpfen, was es erschwert, eine positive sexuelle Identität zu entwickeln (Blumenfeld/Raymond, 1988: 244).

Beispiele:

gewaltfreies Aktionscamp

Im Rahmen eines Camps einer grösseren gewaltfreien Aktion irgendwann in den letzten Jahren gab es am Öko-Produkte-Stand lobenswerter Weise auch Kondome. Die OrganisatorInnen hatten also durchaus mit sexuellen Wesen auf dem Aktionscamp gerechnet. Allerdings nur mit Heterosexuellen. Weder gab es spezielle Kondome für Schwule, noch wurde an Gleitgel gedacht. Homosexuelle Bedürfnisse gab es wohl in den Vorstellungen der (wohl Heterosexuellen) Stand-OrganisatorInnen innerhalb der gewaltfreien Bewegung nicht.

Männerseminar in einer gewaltfreien Bildungseinrichtung

Auf einem Seminar zum Thema Männlichkeitsvorstellungen ging es natürlich am Rande auch um Beziehungen die allerdings zunächst ebenfalls als Beziehungen zu Frauen gedacht waren. Das Thema ‘Männerfreundschaft’ hingegen wurde nur entsexualisiert gedacht. Mit der Anwesenheit von Schwulen auf einem solchen Männerseminar wurde scheinbar nicht gerechnet. Warum eigentlich nicht?

Ignoranz bei der Organisation einer Konferenz

Im Rahmen der Organisation einer internationalen Konferenz wurden von den örtlichen OrganisatorInnen in einem Land der südlichen Hemisphäre Bedenken gegen die Einbeziehung von schwulen und lesbischen Themen geäussert, da mit fundamentalistischen Angriffen gerechnet wurde. Die ersten Rückmeldungen aus dem internationalen Vorbereitungskomitee lauteten mehr oder weniger einstimmig »canceln, falls dies vor Ort gewünscht wird«. Nicht nur wurde die Präsenz von Schwulen und Lesben im Vorbereitungskomitee ignoriert, sondern es wurde auch deutlich, dass dem Thema keine Bedeutung zugemessen wurde.

Hiermit reicht es. Andere können wahrscheinlich zahlreiche Beispiele ergänzen. Gerade im mehr oder weniger ‘privaten’ Bewegungsalltag wird dies noch deutlicher. Es ist mir noch nie begegnet, dass eine Person nicht automatisch davon ausgegangen wäre, dass ich heterosexuell bin. Das Gegenteil muss immer erst deutlich gemacht werden (und zwar sehr deutlich), sonst wird es schlicht ignoriert. Gewaltfreie (Männer) sind Heteros, und nix anderes! Ignoranz gegenüber Schwulen ist in der gewaltfreien Bewegung an der Tagesordnung die gewaltfreie Bewegung, eine heterosexistische Bewegung?

Gewaltfrei in der Schwulenbewegung

Diese Probleme gibt es natürlich in der Schwulenbewegung oder der Schwulenszene nicht. Hier stellt Schwulsein die Norm dar, hier kann ich meine schwule Identität ausleben. Doch dafür tauchen andere Probleme auf, die mit meiner gewaltfreien Identität zusammenhängen. Und damit meine ich nicht, dass die Schwulenbewegung gewaltsame Aktionsformen propagiert (dazu ist sie viel zu bieder), nein, es geht mir um Politikkonzepte, aber auch um Szenealltag.

Beispiele:

CSD, (nicht nur) in Oldenburg

Im Zusammenhang mit dem »Christopher Street Day« ist in diesem Jahr in Oldenburg die Diskussion ziemlich hoch her gegangen. Es ging im wesentlichen um die Frage der Beteiligung von schwulen/lesbischen PolizistInnen und den UniformfetischistInnen der »Green Berets«. Als Gewaltfreier stand ich hier vor dem Problem, entweder meine antimilitaristischen Positionen für diesen Tag zu vergessen, zu Hause zu bleiben, oder mein Unbehagen deutlich zu machen. Ich entschied mich für letzteres, indem ich eine Fahne »Auch schwule Soldaten sind Mörder« mitführte sozusagen eine Demonstration in der Demonstration.

Schwule Anti-Gewalt-Arbeit

Die Arbeit gegen antischwule Gewalt, wie sie z.B. vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) betrieben wird, setzt auf eine enge Kooperation mit der Polizei. Nicht nur wird die Geschichte ignoriert, in der Schwule selbst oft Opfer polizeilicher Massnahmen waren, sondern die Polizei als Gewaltinstitutionen wird nicht thematisiert. Hilfe in der Arbeit gegen antischwule Gewalt wird von »härterem Durchgreifen« der Polizei erwartet und damit wird letztlich repressiven »zero-tolerance«-Konzepten innenpolitischer Hardliner in die Hände gespielt.

Schwule zum Bund?

Im Rahmen der Forderungen nach rechtlicher Gleichstellung steht »Schwule in die Bundeswehr« häufig weit oben. Während natürlich die vorhandenen Diskriminierungen von Schwulen in der Bundeswehr nicht ignoriert werden dürfen, wird aber die Frage nach den Zielen von schwuler Emanzipation, und nach dem Charakter von Militär als Institution zur Produktion heterosexueller Männlichkeit, nicht thematisiert.

Es reicht auch hier. Auch hier können andere wahrscheinlich zahlreiche Beispiele ergänzen, und wenn es um die »Szene« geht, dann wird es erst recht schwierig.

Auswege?

Gibt es Auswege aus dieser Situation, die den permanenten Spagat zwischen den Stühlen beenden können?

An die gewaltfreie Bewegung möchte ich zumindest die Forderung formulieren, ihren Heterosexismus und ihre hinter Toleranz versteckte Homophobie zu reflektieren. Nach Riddle (1985) gibt es vier Marker, die darauf hinweisen können, ob Homophobie reduziert wurde:

  • Unterstützung die Bereitschaft, für die Rechte von Schwulen und Lesben einzutreten, wie dies auch für andere Minderheiten selbstverständlich ist;
  • Wertschätzung Anerkennung, dass es erheblicher Stärke und erheblichen Mutes bedarf, offen schwul oder lesbisch zu leben;
  • Würdigung Schwule und Lesben werden für ihren Beitrag zur Vielfalt in der Bewegung/Gesellschaft gewürdigt;
  • Anerkennung Schwule und Lesben werden als unverzichtbarer Teil der Bewegung/Gesellschaft angesehen.

Wie sieht’s da mit der gewaltfreien Bewegung aus?

Ähnlich lässt sich an die Schwulenbewegung die Forderung formulieren, sich mit ihrer Verstrickung in gesellschaftliche Gewaltstrukturen auseinanderzusetzen. Wo trägt die Schwulenbewegung durch ihre Politikformen zur Stabilisierung dieser Gewaltstrukturen bei? Wo grenzt die Schwulenbewegung andere Minderheiten (auch aus den eigenen Reihen) aus ImmigrantInnen, Behinderte, Punks Menschen, die nicht den Normen des schwulen Lebens entsprechen (wollen)?

Ich fürchte, es ist noch ein weiter Weg, bis »schwul und gewaltfrei« nicht mehr nur als Balanceakt zwischen zwei Stühlen gelebt werden kann.

Literatur:

Albrecht-Heide, Astrid und Holzkamp, Christine, 1998: Lebensformen und Sexualität. Vielfalt quer zu patriarchalen Leitbildern Dialogreferat. In: Hartmann, Jutta, u.a. (Hrsg.): Lebensformen und Sexualität. Herrschaftskritische Analysen und pädagogische Perspektiven. Bielefeld, Kleine Verlag

Blumenfeld, Warren und Raymond, Diane, 1988: Looking at Gay and Lesbian Life. Boston, Massachusetts, Beacon Press

Riddle, Dorothy, 1985: From Opening Doors to Understanding and Acceptance: A Facilitator’s Guide for Presenting Workshops on Lesbian and Gay Issues. Boston

Speck, Andreas, 1996: ‘Nebenwiderspruch’ Homosexualität. Auch der Anarchismus hatte so seine Probleme mit dem Laster. Graswurzelrevolution Nr. 220, Sommer 1996



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Article | by Dr. Radut