Tanz und Revolution - Tanz statt Revolution?

Ketzerische Nachbetrachtungen zum Christopher Street Day in Oldenburg

12-15.000 Schwule und Lesben (und FreundInnen) beteiligten sich in diesem Jahr am CSD und zogen unter dem Motto "normal gibt’s nicht" in einem bunten Zug durch die Stadt - oder vielmehr tanzten. Zahlreiche Menschen schauten sich dieses Spektakel, das eigentlich auch eine Demonstration sein sollte, an. Politische Forderungen waren jedoch kaum zu sehen, es ging irgendwie um Schwule und Lesben, und auf viel mehr hätten sich die an dieser "Parade" Beteiligten wohl kaum einigen können. Ein Erfolg also?

 

Ja, ein Erfolg!

 

Ja, ein Erfolg ist es schon, daß sich 12.-15.000 Schwule und Lesben in Oldenburg auf die Strasse wagen und stolz sowie spektakulär ihr schwul- und lesbischsein feiern. Ein Erfolg ist es auch, daß selbst so konservative Medien wie die NWZ heute an diesem CSD nicht mehr vorbei können, und daß die Nichtbeachtung des CSD durch Oberbürgermeister Poeschel nur noch als Peinlichkeit vermerkt wird - selbst in der NWZ. Kein Zweifel - die Schwulen- und Lesbenbewegung der letzten 30 Jahre hat zwar noch lange keine gesellschaftliche Akzeptanz für Schwule und Lesben erreicht, doch sind wir eine Kraft geworden, die auch nicht mehr ignoriert werden kann. Gleichzeitig sind wir noch weit davon entfernt, eine Gesellschaft ohne Vorurteile und Homophobie geschaffen zu haben, eine Gesellschaft, in der ein Coming Out - doch immer noch ein mehr oder weniger schmerzhafter Prozeß - schlicht nicht mehr notwendig ist, da es keine (heterosexuelle) Norm mehr gibt. Trotz aller Erfolge bleibt also auch noch sehr viel zu tun.

 

Ambivalenz

 

Doch der Erfolg bringt auch Ambivalenzen mit sich. Heute sind Schwule und Lesben als Schwule und Lesben z.B. selten Opfer der Polizei - und dies ist ein Erfolg! - und so beteiligten sich auch schwule und lesbische PolizistInnen am CSD. Kein Problem? Hier zeigt sich die Ambivalenz des Erfolges. Natürlich gibt (und gab) es Schwule und Lesben überall - auch bei der Polizei - und ein Erfolg ist es, daß PolizistInnen nun auch offen damit umgehen können. Doch gleichzeitig wird damit deutlich, daß Schwule und Lesben eben nicht nur Opfer in einer heterosexistischen Gesellschaft sind, sondern auch TäterInnen in einer rassistischen und kapitalistischen Gesellschaft. Auch schwule und lesbische PolizistInnen beteiligen sich an der Abschiebung von Flüchtlingen, an der Vertreibung von Obdachlosen, Junkies und Punkern aus der Innenstadt, an der Repression gegen politisch mißliebige Gruppen. Und mir ist es im Zweifelsfalle ziemlich wurscht, ob der/die PolizistIn, die/der mir mit dem Gummiknüppel eins über gibt, schwul, lesbisch oder hetero/a ist.

Auch schwule Soldaten beteiligten sich am völkerrechtswidrigen Angriff der NATO auf Jugoslawien, und haben somit Menschen in Serbien auf dem Gewissen - wurden zu Mördern.

Auch schwule und lesbische KapitalistInnen versuchen, im globalen Konkurrenzkampf auf Kosten auch ihrer schwulen und lesbischen MitarbeiterInnen mitzuhalten und fordern daher die immer weitere Kürzung von Sozialleistungen, von Arbeitslosenhilfe und ArbeitnehmerInnenrechten, um den »Standort Deutschland« profitabel zu machen.

Mit dem zunehmenden Erfolg der Schwulen- und Lesbenbewegung werden diese Ambivalenzen immer deutlicher sichtbar. Und es stellt sich die Frage, wie tragfähig das Bündnis unter der Regenbogenfahne noch ist, ob es wirklich möglich ist, für alle Schwulen- und Lesben zu sprechen, und die genannten Ambivalenzen und Widersprüche auszuklammern.

 

Nicht-Ausgrenzung gibt es nicht!

 

Erklärter Anspruch des CSD ist es, keine/n Schwulen oder Lesbe auszugrenzen. Gut gemeint, doch gleichzeitig naiv. Auch wer nicht ausgrenzen will, und (angeblich) alle (Schwulen und Lesben) willkommen heißt, grenzt aus - unausgesprochen und unbewußt (?). Passen denn schwule/lesbische PolizistInnen und AnarchistInnen auf die gleiche Demonstration/Party, oder muß ich mich da entscheiden? Wenn ich die einen willkommen heisse, gebe ich dann nicht an die anderen mehr oder weniger deutlich das Signal, daß sie mir egal sind?

UniformfetischistInnen und SoldatInnen auf der einen Seite sowie AntimilitaristInnen und PazifistInnen auf der anderen Seite gehen ebenfalls schlecht zusammen. Und mir als Autor dieses Artikels blieb eigentlich keine andere Wahl, zumindest mit einer Fahne "Auch schwule Soldaten sind Mörder" mein Nicht-Einverständnis zu dieser angeblichen Offenheit für alle Schwulen und Lesben deutlich zu machen - oder selbst zu Hause zu bleiben.

Eine Nicht-Ausgrenzung ist also nicht möglich. Wenn dem so ist, dann bleibt nur, bewußt Signale des Willkommens an bestimmte Gruppen zu senden. Und anstatt diese Signale an PolizistInnen oder SoldatInnen zu senden, könnten sie genausogut an MigrantInnen, Arbeitslose, Junkies, SozialhilfeempfängerInnen, anders Befähigte, etc... gesendet werden. Wir hätten die Wahl gehabt...

 

In die Mitte der Gesellschaft! In welche Mitte?

 

Natürlich muß es der Schwulen- und Lesbenbewegung - einer jeden sozialen Bewegung - darum gehen, in die Mitte der Gesellschaft zu kommen, schliesslich will sie Gesellschaft verändern. Doch genau das ist der springende Punkt: es geht darum, Gesellschaft zu verändern - und somit eine andere Mitte zu schaffen - und nicht darum, sich der Mitte der Gesellschaft schlicht und einfach anzupassen - mag diese auch noch so spiessbürgerlich (Eheforderung!), rassistisch und desinteressiert sein.

"Normal gibt’s nicht" war das Motto dieses CSD. Schön wär’s, und schön wäre es, gälte dies nicht nur am CSD. Damit es dazu kommt, wäre jedoch mehr notwendig als die Ehe für Schwule und Lesben und ein schwul-lesbischer Karneval namens CSD Ende Juni. Es wäre notwendig, sich nicht einfach eine Nische in der Mitte dieser Gesellschaft zu suchen (was eh nur für einige Schwule und Lesben geht - die mit Geld und Macht), sondern im Bündnis mit anderen Kräften Gesellschaft zu verändern. Normal gibt’s nicht - ein schönes Ziel, das wir jedoch nicht erreichen werden, indem wir normal werden!

 

Andreas Speck

 

Dieser Artikel erschien in Stachel 07/00. Dazu gab es einen Leserinnenbrief in der nächsten Ausgabe des Stachel (09/00).