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Warum ich nicht mehr auf Facebook/Twitter usw bin

Vor ungefähr zwei Monaten habe ich meine Benutzerkonten bei Facebook, Google+ und Twitter suspendiert, und meinen Skype-Zugang habe ich sogar noch früher aufgegeben. Mit diesen Schritten habe ich den populären sogenannten "sozialen Netzwerken" und Kommunikationsplatformen den Rücken gekehrt. Doch warum?
 


Die Privatisierung des Internet


Schon lange gibt es eine Kritik an Facebook und Twitter bezüglich deren Datenschutzpolitik, und den Rechten an den Daten, die von NutzerInnen hochgeladen werden. Mit sich ändernden Nutzungsbedingungen mag sich diese Kritik im Detail verändern, doch der Grundsatz bleibt im wesentlichen der gleiche: von NutzerInnen hochgeladene Daten (wie z.B. Fotos) gehören im wesentlichen Facebook, Google, Twitter & Co, und diese können davon Gebrauch machen wie es ihnen passt, mit der Ausnahme vielleicht von personenbezogenen Daten wir Anschrift, Email, etc. Im wesentlichen gilt: wenn Du ein Foto auf Facebook hochlädst, dann überlässt Du Facebook alle Rechte an diesem Foto, einschliesslich des Rechtes, damit Geld zu machen.
Wie dem auch sei, auch wenn diese Kritik an einem Mangel an Datenschutz und Schutz der Privatsphere durchaus sehr relevant ist, so ist doch mein Hauptgrund für meinen Abschied von diesen sozialen Netzwerken in privatem Besitz ein anderer: die Privatisierung des Internets.
Ich denke, dass wir mit der Verbreitung von Facebook, Google+, Twitter und anderen derartigen Diensten im Internet eine Entwicklung beobachten können, die einer Entwicklung im Zusammenhang mit physischen Räumen in unseren Städten sehr ähnlich ist: die Privatisierung öffentlicher Räume. Demokratie braucht öffentliche Räume um zu gedeihen, und in der Vergangenheit waren dies unsere Stadt- und Dorfplätze, oder jeder Ort, an dem Menschen sich treffen, gesellig sein, diskutieren oder demonstrieren konnten. Mit der Ankunft privater Einkaufszentren verschwinden diese öffentlichen Räume - die für alle offen sind - zunehmend, und mit ihnen die Demokratie, das Recht auf Versammlungsfreiheit, und auf freie Meinungsäusserung. In einem Einkaufszentrum in privatem Besitz existieren diese Rechte nicht (es sei denn wir erkämpfen sie uns erneut), und wenn der Besitzer des Einkaufszentrums dich nicht mag, dann wird Dir der Zugang verweigert - Obdachlose sind dafür der Beweis.
Facebook, Google+, Twitter, usw sind für das Internet eine sehr ähnliche Entwicklung - sie sind "Räume" in Privatbesitz im - bisher - im wesentlichen öffentlichen Internet. Der Zugang zu diesen privaten Räumen wird durch das entsprechende Benutzerabkommen kontrolliert, und wenn Du dem nicht zustimmst - oder Dir unterstellt wird, dass Du es verletzt - dann bist Du draussen - und Deine Daten gehören trotzdem noch Facebook, Google, Twitter, etc.
Der öffentliche Character des Internet wurde - bisher - durch den offenen Zugang zum Internet garantiert. Du konntest bisher bei einem von Tausenden von Anbietern (wie z.B Gmail, MSN, GMX, Yahoo, etc) eine Email-Adresse einrichten, und damit deren Gnade ausgesetzt sein, oder - wenn Dir dies nicht zusagte - Du konntest Deinen eigenen Server einrichten, mit Email-Server und Email-Adresse (und Webseite, wenn Du wolltest). Egal, welchen Weg Du auswähltest, Du konntest in jedem Falle mit jeder and jedem kommunizieren. In diesem Sinne war das Internet noch immer ein öffentlicher Raum, selbst wenn private Anbieter eine wichtige Rolle spielten und spielen. Auf einer prinzipiellen Ebene konnte jeder und jede Zugang haben, und mit allen anderen kommunizieren.
Doch bei den privaten sozialen Netzwerken ist das anders. Wenn Du nicht auf Facebook bist, dann bist Du nicht auf Facebook, und kannst auch nicht die Status-Updates anderer Facebook-NutzerInnen sehen, oder mit ihnen über Facebook kommunizieren. Das gleiche gilt für Google+, Twitter, LinkedIn, oder was es da noch geben mag. Im wesentlichen sind dies private Räume, nicht kompatibel mit offenem Zugang und Demokratie. Es kann ja gut sein, dass sie behaupten offen, demokratisch, sozial, oder was auch immer zu sein - doch das ist letztendlich nicht mehr als ein Geschäftsmodell, und wird nicht durch eine offene und demokratische Struktur unterstützt.
 


Alternativen für AktivistInnen


Als Anarchist konnte ich daher den Widerspruch zwischen der politischen Realität von sozialen Netzwerken in Privatbesitz, und deren angeblichen Nutzen für die politische Arbeit (und ich bestreite nicht, dass sie nützlich sein können - doch sollte man sich auch bewusst sein, dass politischen Gruppen die Konten gesperrt wurden) nicht länger miteinander vereinbaren. Die Ziele bedingen die Mittel, wie schon Gandhi sagte, und ich frage mich, ob wir wirklich die von privaten, gewinnorientierten Unternehmen angebotenen Mittel nutzen sollten, selbst wenn sie kurzfristig nützlich erscheinen, aber eindeutig im Widerspruch stehen zu unseren Zielen.
Ich bin davon überzeugt, dass wir den Ethos eines offenen, öffentlichen, und demokratischen Internets verteidigen müssen, auch wenn es um soziale Netzwerke geht. Es gibt Alternativen zu Facebook, Twitter, & Co, auch wenn diese derzeit im wesentlichen von Geeks und einem Kern von AktivistInnen genutzt werden mögen, doch das wird sich nicht ändern, wenn wir diese demokratischen und offenen Alternativen nicht nutzen.
Das grundlegende Prinzip sollte auch hier das allgemeine Prinzip des Internets sein: basierend auf offenen Standards und nicht zentral und privatwirtschaftlich kontrolliert, sondern basierend auf einem Netzwerk von Servern die miteinander kommunizieren, mit der Möglichkeit für jeder und jeden, einen eigenen Server hinzuzufügen, und mit allen zu kommunizieren (so funktionieren email und Webseiten).
Die folgenden Alternativen gibt es bereits:


  • status.net: ein dezentrales sozialen Netzwerk, so ähnlich wie Twitter

  • Diaspora: ein auf freier Software basierendes, dezentrales soziales Netzwerk

  • Friendica: ein anderes auf freier Software basierendes, dezentrales soziales Netzwerk

Leider stecken derzeit auf offenen Standards basierende soziale Netzwerke noch in den Kinderschuhen. Ein allgemein anerkannter offener Standard für soziale Netzwerke existiert derzeit noch nicht. Dennoch denke ich, dass es wichtig ist, diese Initiativen zu unterstützen, und das Internet als öffentlichen und demokratischen sozialen Raum zu verteidigen und uns wideranzueignen.



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Article | by Dr. Radut