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Mein genderqueer Manifest

Dieses genderqueer Manifest ist eine sehr persönliche Angelegenheit – es beansprucht nicht, ein kollektives Manifest zu sein, für eine Gruppe oder für eine Bewegung zu sprechen. Es ist meines, und nur meines, aber ich mache es trotzdem öffentlich, denn ich denke, dass das Private politisch ist, und umso mehr, wenn es um gender1 geht.

Ich definiere mich heute als genderqueer, denn das binäre Gendersystem, das mir nur erlaubt, mich als Mann oder als Frau zu definieren, genügt mir nicht. Es ist ein viel zu enges und rigides System, das die menschliche Vielfalt ausschließt, und von uns verlangt, dass wir uns in Begrifflichkeiten definieren, die nicht auf uns passen.

Ich mache mein Manifest auch öffentlich, denn ich bin der Verpflichtungen und dem Druck der Männlichkeiten, die unsere Gesellschaft anzubieten hat, müde. Dieses Manifest öffentlich zu machen ist auch ein Akt der Befreiung und des Widerstandes.
 

Warum genderqueer?

Mich als genderqueer zu definieren ist das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses – möglicherweise eines Prozesses, der mein ganzes Leben lang dauerte. Ja, ich wurde als Mann geboren, und als Junge/Mann aufgebracht und erzogen. Und in diesem Prozess habe ich durchaus von den Privilegien, die das Patriarchat Jungen/Männern bietet (der „patriarchalen Dividende, wie Raewyn Connell das nennt2) profitiert, doch habe ich auch ziemlich darunter gelitten, und ich lebe heute mit meinen Wunden und Narben, vor allem auf emotionaler Ebene.

Als Junge/Mann aufzuwachsen bedeutete für mich vor allem einen starken Druck, die Erwartungen von Männlichkeit und Heteronormatismus zu erfüllen: „stark“ sein, meine Gefühle zu verbergen und zu unterdrücken (und es ist harte Arbeit, dies rückgängig zu machen), und die Erwartung, sich am sexistischen System zu beteiligen, von Mädchen als Objekten zu reden und sie so zu behandeln, insbesondere während meiner Adoleszenz. An letzterem habe ich mich niemals wirklich beteiligt, nicht aus feministischem Bewusstsein heraus, sondern weil ich mich damit einfach nicht wohl fühlte.

Und ich habe aufgrund meiner Sexualität mehr als ausreichend unter peer pressure gelitten – bis hin zum Bullying, und das viele Jahre, bevor ich mir selbst meiner Homosexualität bewusst wurde.

Doch ich denke, dass die männliche Sozialisation nicht ganz so gut funktioniert hat. Sicherlich, in einigen Bereichen ja, doch in anderen eben nicht. Ich erinnere mich, dass mir eine Freundin vor Jahren sagte, dass meine Körpersprache wenig maskuline Aspekte aufweist, und in einer anderen Situation wurde mir gesagt, dass es mir an Aggression „mangelt“ (wieso „mangelt“? Ist das notwendig, um „Mann“ zu sein?). Und dann die Sache mit der Heterosexualität...

Seit meinem schwulen Coming Out habe ich mich als schwuler Mann identifiziert, aber immer mit einigen Schwierigkeiten. Wie ich vor vierzehn Jahren schrieb:

Desde salia del armario como gay me he identificado como hombre gay, pero siempre con muchas dificultades. Como he escrito hace 14 años: “muss ich mich doch noch immer für eine der kollektiven Identitäten „schwul" oder „hetero" entscheiden? Doch sind das nicht neue Normen und daher Begrenzungen meiner persönlichen Möglichkeiten? Wäre demnach eine Zuordnung nicht auch eine Akzeptierung der Norm, eine Form der freiwilligen Unterordnung unter die Norm?3 Ich möchte mich keiner Norm anpassen, egal ob dies nun eine schwule oder „hetero“-Norm ist.

Ich bin dies alles leid. Ich bin es leid, als Mann definiert zu werden, und dem Druck die Erwartungen, was es in unserer Gesellschaft bedeutet, „Mann“ zu sein, zu erfüllen (oder ihnen zu widerstehen). Darüber hinaus, auch wenn es sehr notwendig ist, Männlichkeiten neu auf nicht-patriarchale Weise zu definieren (für die, die sich so definieren wollen), so reicht mir, so wie ich mich definiere, dies nicht mehr aus.

Ich lehne die Definition als Mann nicht deswegen ab, weil ich nicht mit den Privilegien, die dies im Patriarchat bedeutet, identifiziert werden will. Ich bin mir dieser Privilegien sehr bewusst, und auch dessen, dass es nicht einfach ist, diese zu verweigern. Doch ich bin mir auch deren Fragilität bewusst, und dass sie stark davon abhängen, dass ich mich den Erwarten an das „Mann sein“ unterwerfe. Es reicht! Ich will mich keinen Erwartungen bezüglich gender mehr unterwerfen.

Doch ich identifiziere mich auch nicht als transsexuell. Ich tue dies nicht, denn ich fühle mich nicht im falschen Körper eingesperrt. Ich mag meinen Körper (nun ja, ich könnte etwas abnehmen...), und ich mag meinen Schwanz, der mir viel Genuss bereitet (nicht nur mein Schwanz – der Körper hat wesentlich mehr Genusszonen). Und ich bin sehr zufrieden mit meiner Sexualität, ich mag es, zu blasen oder geblasen zu werden, und auch (wenn auch weniger) penetrativen Sex in jeglicher Position – penetriert zu werden oder zu penetrieren (doch Sex ist nicht darauf reduziert – da gibt es noch viel mehr).

Was mich belästigt ist nicht mein Körper, es sind die gesellschaftlichen Definitionen von gender4.
 

Genderqueer als Widerstand

Mich als genderqueer zu definieren ist eine Form des Widerstandes gegen die Gender-Binarität, eine Form des Aufbrechens der Gender-Normen, der Schaffung von Uneindeutigkeiten, von Komplexität. Die Binarität von Gender – die Idee, dass es nur „Männer“ und „Frauen“ gibt – ist noch ein System, dass so hegemonial ist, dass es schwer ist, aus ihm auszubrechen. Doch ist es gleichzeitig ein sehr gewaltsames System, insbesondere, da es zahlreiche Personen gibt, die nicht eindeutig „Mann“ oder „Frau“ sind. Die Gewalt gegen intersexuelle Personen kommt mittlerweile langsam an die Öffentlichkeit, ist aber noch recht wenig anerkannt5.

Glücklicherweise musste ich diese Gewalt nicht erleiden. Trotzdem fühle ich mich im binären Gender-System ebenfalls nicht repräsentiert, und jedes Mal weniger.

Doch es ist nicht leicht. Es ist nicht leicht, denn nicht nur ich definiere meine Identität, sondern ich werde auch in fast jeder sozialen Interaktion definiert. Und da ich einen Körper mit eher maskulinem Erscheinungsbild habe, werde ich normalerweise als Mann definiert, mit all den Vorteilen, die diese Identifikation mit sich bringt. Doch dies hängt auch vom Rest meines Erscheinungsbildes ab, wie ich mich kleide und wie ich mich gebe. Und das ist häufig Anlass zur Verwirrung, von Uneindeutigkeiten, oder zumindest kann es sein. Plötzlich kann die andere Person meine Gender-Identität nicht eindeutig definieren, und ehrlich gesagt genieße ich häufig diese Momente der Verwirrung, des Aufbrechens der Eindeutigkeiten der Gender-Binarität.

Es ist nicht, denn es fehlt uns an einer nicht-binären Sprache. Wir benennen andere Personen häufig mit binären Begriffen, und wie auch anders wenn wir doch nur die Worte Mann/Junge... oder Frau/Mädchen haben, sowie die Pronomen er und sie. In der schriftlichen Sprache ist es noch einfacher, andere Begrifflichkeiten/Konstruktionen zu finden (das _innen ist auch nicht optimal), die eine unendliche Vielfalt von Gender-Identitäten beinhalten können. Doch wir machen wir das im gesprochenen Wort?

Es ist auch nicht einfach auf Grund der Gesetze der Staaten, in denen wir leben. In fast allen Staaten ist es notwendig, das Geschlecht eines Neugeborenen zu registrieren (innerhalb eines binären Systems) – doch manchmal ist das nicht so eindeutig... Und in vielen Ländern muss der Namen eindeutig das Geschlecht identifizieren, wiederum binär definiert (z.B. in Deutschland bis 2008, wenn das Verfassungsgericht zumindest nicht eindeutige Namen erlaubte6 – derzeit sind allerdings Namen, die „dem anderen Geschlecht“ zugeordnet werden, untersagt.). Und auch der Ausweis beinhaltet unser Geschlecht (oder Gender7), und in fast allen Formularen müssen wir uns entsprechend der binären Kategorien identifizieren, egal ob das nun wirklich notwendig ist oder nicht.

Dem binären Gendersystem Widerstand entgegenzusetzen bedeutet daher fast alltäglichen Widerstand auf zahlreichen Ebenen.
 

Es gibt so viele gender wie Menschen

Kate Bornstein schrieb in ihrem Buch “My Gender Workbook8 dass es so viele Gender gibt wie Menschen, und dies nicht anzuerkennen bedeutet, die menschliche Vielfalt auf etwas sehr begrenztes zu reduzieren. (und etwas sehr langweiliges, und mit Gewalt). Mich als genderqueer zu definieren gibt mir die Freiheit, mich jeden Tag erneut und anders zu definieren, denn meine Gender-Identität ist nichts feststehendes (und auch nicht etwas, dass ich bin, sondern etwas, das ich tue, dass ich konstruiere). Sie ist immer im Fluss, sich im Prozess der Re-Kreation verändernd, und eben auch in Beziehung und im Austausch mit anderen. In diesem Prozess befreie ich mich der Eingrenzungen des Gendersystems, und kuriere meine Wunden aus der Konstruktion von Männlichkeit.

Und daher, auch wenn dieses Manifest ein sehr persönliches Manifest ist, so möchte ich doch mit einem politischen Aufruf schließen. Nicht zur Schaffung einer neuen kollektiven Identität – ich bin mir der Risiken neuer kollektiver Identitäten (und, da sie kollektiv sind, auch normierender Identitäten) von Gender sehr bewusst. Nein, ich will keine neuen Normen, keine neuen Kategorien von Gender.

Brechen wir das binäre Gendersystem auf.

Jede Person hat ein Recht darauf, die eigene Gender-Identität wann und wie gewünscht zu definieren!

Andreas Speck, 27. Februar 2014

Anmerkungen

1Ich verwende in diesem Text 'gender' an Stelle von 'Geschlecht' oder 'soziales Geschlecht'. Die Trennung von 'sozialem' und 'biologischem' Geschlecht (von 'gender' und 'sex') lässt sich so eindeutig nicht herstellen, denn auch unser biologischer Körper ist das Ergebnis von sozialer Konstruktion.

2R. Connell: Masculinities. Cambridge, 1995

3Kollektive Identitäten: Falle oder Mittel zum Empowerment? Veröffentlicht (auf englisch) in Peace News no 2434, Juni-August 2000, https://andreasspeck.info/de/node/21

4In Wirklichkeit ist es gar nicht so klar, dass Sex (verstanden als natürliche, biologische Kategorie) so natürlich oder binär ist, wie Biolog_innen dies behaupten. Und warum sollte dies meine Identität definieren? Ich bevorzuge zu sagen, dass Sex etwas ist, was ich mache (und mit viel Genuss), und nicht etwas, das ich bin.

5Cheryl Chase: Hermafroditas con actitud: cartografiando la emergencia del activismo político intersexual. En: El eje del mal es heterosexual. Figuraciones, movimientos y practicas feministas queer. Traficantes de Sueños, 2005

6BVerfG, stattgebender Kammerbeschluss der Zweiten Kammer des Ersten Senats vom 5. Dezember 2008 – 1 BvR 576/07 – http://www.bverfg.de/entscheidungen/rk20081205_1bvr057607.html.

7Australia permite desde 2011 una tercera categoría: indeterminado (marcado con X). CNN México: ¿Hombre o mujer? Indeterminado. La nueva opción del pasaporte australiano, 16 de septiembre de 2011, http://mexico.cnn.com/salud/2011/09/16/hombre-o-mujer-indeterminado-la-nueva-opcion-del-pasaporte-australiano.

8Kate Bornstein: My Gender Workbook, Routledge, New York 1998



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Article | by Dr. Radut