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Die Anti-Castor-Bewegung im Lichte des Movement Action Plan

Silke Kreusel/Andreas Speck

Spätestens seit dem Sommer 1994, als der Alarm „der Castor kommt“ im Wendland eine Vielzahl von Aktivitäten bis zu einem zweiwöchigen Hüttendorf entstehen ließ, war klar, daß die Anti-Atom-Bewegung, zuvor scheinbar im Tiefschlaf versunken, wieder zum Leben erwacht war. Doch die Bewegung gegen Castor-Transporte ist nicht aus dem Nichts entstanden. Schließlich war es schon der fünfte Castor-Alarm, der im Sommer 1994 zum nicht mehr: übersehbaren Start der Bewegung führte.

Wie hat sich die Anti-Castor-Bewegung im Laufe der Zeit entwickelt und wo steht sie jetzt? Im folgenden möchten wir den Versuch machen, genau diese Frage zu beantworten. Grundlage für die Analyse der Anti-Castor-Bewegung wird der Movement Action Plan sein, ein Modell des US-Amerikaners Bill Moyer über den Verlauf sozialer Bewegungen.

Ziel dieses Artikels ist, den Stand der Anti-Castor-Bewegung nachzuzeichnen und daraus die jetzt anstehenden strategischen Schritte abzuleiten. Dabei verstehen wir die Anti-Castor-Bewegung als den zur Zeit zwar wichtigsten, aber gleichzeitig nur einen Zweig der allgemeinen Bewegung für den Ausstieg aus der Atomenergie. Eine Abgrenzung fällt nicht immer leicht, denn sicherlich wurde die Anti-Castor-Bewegung durch die zahlreichen anderen Aktivitäten gerade in Bezug auf die anderen in Gorleben neben dem Zwischenlager entstehenden Atomanlagen, wie das Endlager oder die Pilotkonditionierungsanlage, stark beeinflußt.

 

Der Movement Action Plan (MAP)

Veränderungen, die durch soziale Bewegungen von unten erreicht werden, sind Prozesse, die sich nur langsam über Jahre hinweg entwickeln. Auch Phasen, in denen keine Massenaktivitäten der Bewegung stattfinden und scheinbar nur wenig Erfolge zu verzeichnen sind, können eine wichtige Rolle spielen, da hier zwar weniger spektakuläre aber extrem wichtige Prozesse, wie z.B. die Wandlung der öffentlichen Meinung, stattfinden können. Der Movement Action Plan (MAP) wurde ursprünglich entwickelt, um AktivistInnen aus sozialen Bewegungen den langen Atem für die notwendige langfristige Arbeit zu geben. In seiner Funktion als Analyseinstrument soll der MAP helfen, den Stand der jeweiligen Bewegung einzuschätzen, und hieraus die richtigen Schritte für den Fortgang der Bewegung abzuleiten.

Der MAP wurde entwickelt aus den Erfahrungen seines Autors Bill Moyer, der seit über 30 Jahren in verschiedenen sozialen Bewegungen der USA aktiv ist. Aus einer Analyse verschiedener Bewegungen der USA wurde das Modell der 8 Phasen sozialer Bewegungen abgeleitet. Für jede Phase werden verschiedene Aufgaben für die Bewegung benannt, die erfüllt sein müssen, um die jeweiligen Zwischenziele, d..h. die strategische Bedeutung dieser Phase, zu erfüllen und damit in die nächste Phase zu gelangen.

Parallel dazu wird die übliche Strategie der Herrschenden gegenüber der Bewegung erläutert, und resultierend aus beidem, die Reaktion der Öffentlichkeit1 (Moyer 1989, 16-56). Auf die Details gehen wir nachfolgend jeweils bei der Beschreibung der Anti-Castor-Bewegung ein. Zu berücksichtigen ist allerdings, daß eine Bewegung sich bezüglich ihrer verschiedenen Teilziele — Abschaltung aller Atomanlagen, Stopp der Castor-Transporte, Verhinderung des Endlagers, Verhinderung des Nuklearen Entsorgungszentrum — sich in jeweils unterschiedlichen Phasen des MAP befinden kann. (Moyer 1990, 16)

Die wichtigste Grundlage des Modell MAP ist die u.a. von Gene Sharp formulierte „Konsens-Theorie der Macht“ (vgl. Martin, 1989). Entgegen dem bei vielen AktivistInnen sozialer Bewegungen weit verbreiteten Bild von eigener Machtlosigkeit in Bezug auf politische Entscheidungen, geht die Konsens-Theorie der Macht davon aus, daß die politische Macht einer Elite sich niemals selbst tragen kann, sondern immer von der Unterstützung von außen abhängt. Selbst in Gesellschaften mit starken Machteliten sind diese von der Kooperation, der Billigung und der Unterstützung der Gesamtbevölkerung abhängig. Ohne Kritik an der Konsens-Theorie, sowie Modifizierungen an dieser Stelle diskutieren zu wollen, macht sie den notwendigen Ansatzpunkt für soziale Bewegungen deutlich2. Es kann einer Bewegung nicht darum gehen, an die Herrschenden zu appellieren, und zu versuchen EntscheidungsträgerInnen direkt zu überzeugen ihre Politik zu verändern, sondern immer muß es darum gehen, die Unterstützung von den wirklich Mächtigen, der Basis, zu erlangen. Mit anderen Worten drückt es Bill Moyer (1989, 7) aus: „Die entscheidende Aufgabe für die sozialen Bewegungen ist (...) der Kampf zwischen der Bewegung und den Herrschenden um die Herzen (die Sympathie), die Köpfe (die öffentliche Meinung) und die aktive Unterstützung durch die Mehrheit der Bevölkerung“.

Phase I: „Normale Zeiten"

Die Phase 1 - normale Zeiten — ist dadurch gekennzeichnet, daß die Opposition gegen die Politik der Herrschenden klein ist und eher belächelt wird (Moyer 1989, 16). Die Politik der Herrschenden wird durch einen politischen und sozialen Konsens der Öffentlichkeit gestützt, die sich der Existenz eines ernsten Problems überhaupt nicht bewußt ist (Ebd.‚ 17). Die Bewegung besteht in dieser Phase aus den überregional operierenden Lobbyorganisationen und Verbänden, prinzipiell systemoppositionellen Gruppen und lokalen BürgerInneninitiativen. Aufgaben der Bewegung in dieser Phase sind, Organisationen aufzubauen, Visionen und Strategien zu entwickeln, das Problem und die Rolle der Herrschenden zu dokumentieren und sich als Bewegung selbst zu informieren (Moyer 1990, 14).

Im Wendland agierte die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dunnenberg ab Ende 1973 gegen ein in Langendorf/Elbe geplantes AKW (Ehmke 1987, 13; Fritzen 1981, 4-5), doch zunächst ohne große Resonanz in der Öffentlichkeit. Als Bruch und Ende der normalen Zeiten im Wendland muß die Standortbekanntgabe für ein Nukleares Entsorgungszentrum (NEZ) in Gorleben am 22. Februar 1977 gesehen werden3. Die sich entwickelnde Auseinandersetzung gehört‚ zwar nicht direkt zur Anti-Castor-Bewegung, muß aber als auch die Castor-Bewegung prägende Auseinandersetzung angesehen werden, bei der die Bewegung bezüglich des Teilziels „Verhinderung der WAA“ recht schnell die Phasen I-IV durchlief. Sehr schnell bildeten sich nach der Standortbekanntgabe neue Bewegungsorganisationen neben der BI. Bereits am 12. März 1977 fand eine erste Großkundgebung der BI mit 15.—20.000 Teilnehmerlnnen in Gorleben statt, an der sich überwiegend „Auswärtige“ und eher dem Bildungsbürgertum zuzuordnende Kreise beteiligten, obwohl auch bei der einheimischen Bevölkerung „Unbehagen“ und Ablehnung des NEZ vorherrschten. (Halbach/Panzer 1980, 46; GWR 34/35, 8).

Die Auseinandersetzung um das Nukleare Entsorgungszentrum gipfelte zwei Jahre später im sogenannten „Gorleben-Treck“ nach Hannover, der am 31. März mit einer Demonstration mit 100.000 TeilnehmerInnen in Hannover endete. Mit dem berühmt gewordenen Ausspruch des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU) vom 16. Mai 1979, eine WAA sei in Gorleben „politisch nicht durchsetzbar“, wurde die Planung für eine WAA und damit auch für das Eingangslager der WAA, das als Zwischenlager angesehen werden könnte, zunächst aufgegeben, an der Planung für ein Endlager aber festgehalten (Halbach/Panzer 1980, 91-99 und 103-104).

Phase II: „Das Versagen der Institutionen nachweisen"

Nach dem „Nein“ Albrechts zur WAA war im Wendland zunächst eine Befriedungswirkung zu verzeichnen, auch wenn die Endlagerpläne weiter verfolgt wurden (Halbach/Panzer 1980, 105-106)?4 Auch wenn die normalen Zeiten vorbei waren, so fing der Widerstand gegen das Zwischenlager im Wendland in gewisser Hinsicht „von Null an“. Die Kritik hatte sich bisher vor allem auf die Gefährlichkeit der WAA konzentriert, ein Zwischenlager als Trockenlager erschien daher als „kleineres Übel“. (Ebd., 145)

Aufgabe der Bewegung in Phase II ist es, „zu beweisen, daß es ein Problem gibt, und daß die Herrschenden und die Institutionen das Fortbestehen des Problems betreiben.“ (Moyer 1989, 20). Hierzu muß die Bewegung

  • „Untersuchungen anstellen, um zu beweisen, daß ein Problem besteht, durch das soziale Werte und Einstellungen verletzt werden (...);

  • auf jeder möglichen Ebene der bürokratischen Maschinerie, der lokalen, der Landes- und Bundesebene Beweise vorlegen, Einwände erheben und Beschwerden einlegen (...);

  • beweisen, daß die Anhörungen reine ‚Alibiveranstaltungen‘ sind.“ (Ebd., 20)

Direkt nachdem das Zwischenlager für Gorleben ins Gespräch gebracht worden war (EJZ, 16:06.79), begannen die Bewegungsorganisationen „in einem kleinen Kreis von Widerständlern Informationen über die beabsichtigte Trockenlagerung zusammenzutragen.“ (Halbach/Panzer 1980, 145) Die Bewegung brachte bei Parteitagen (z.B. Sonderparteitag des CDU-Kreisverbandes am 11.2.80), Gemeinderats- und Kreistagssitzungen und «im Rahmen der Bauleitplanung — vergeblich - ihre Position vor.

Die Politik der Herrschenden ist dadurch charakterisiert, daß sie sich weder besonders bedroht noch betroffen fühlen und versuchen, die Angelegenheit auf dem Verwaltungswege zu regeln (Moyer 1989, 21). Im Fall des Zwischenlagers. wurden die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen (Bauleitplanung, Baugenehmigung) für das Zwischenlager bis zum 22.06.81 geschaffen. Dabei bemühten sich die Herrschenden, das Zwischenlager als eine Maßnahme zu verkaufen, die die schlechte wirtschaftliche Struktur des Landkreises verbessern würde.

Der Bewegung gelang es wiederholt aufzuzeigen, daß die offiziellen Institutionen „kein Vertrauen verdienen und allgemeine Werte (nicht) unterstützen“ (Moyer 1990, 14). So wurde der Bewegung ein Brief Ernst Albrechts an Bundeskanzler Helmut Schmidt vom 8. Juni 1979 zugespielt, in dem Albrecht betonte, daß eine Fortsetzung des Endlagerprojektes in Gorleben nur möglich sei, wenn „die Bevölkerung uns wirklich glaubt, daß das Projekt der Wiederaufarbeitungsanlage nicht weiterverfolgt wird.“ (Albrecht nach EJ Z, 03.08.79) Anschließend wurden von Albrecht taktische Erwägungen diskutiert, wie unbemerkt von der Öffentlichkeit die Politik zum Bau eines NEZ fortzusetzen ist.

Nach der Erteilung der Baugenehmigung wurde gegen das „Genehmigungsverfahren wie für einen Kuhstall" (Prozeßgruppe 1981, 1-2)5 Klage vor Gericht eingereicht. Auch Teilerfolge auf der juristischen Ebene, die immer wieder zu Verzögerungen führten, konnten nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch die Institution der Gerichte nicht dazu in der Lage war, die Rechte der BürgerInnen zu schützen.

Der Baubeginn des Zwischenlagers am 26. Januar 1982 führte vermehrt zu gewaltfreien Aktionen, die thematisch das Zwischenlager in den Mittelpunkt stellten. Ab der Fertigstellung des Zwischenlagers am 3. September 1983 bemühten sich die Bewegungsorganisationen verstärkt, neue Gruppen zu bilden und auf der demonstrativen Ebene mittels gewaltfreier Aktionen handlungsfähig zu werden. Mit dem ersten „Tag X“ im Wendland am 08.10.84, dem Einlagerungsbeginn im Faßlagerteil des Zwischenlagers, begannen erste Blockaden gegen Atommülltransporte, die jedoch lange nicht mit den Aktionen der letzten Jahre vergleichbar sind. Damit setzten sie zunehmend die Erkenntnis um, „daß die Herrschenden und die normalen gesellschaftlichen Institutionen das öffentliche Vertrauen brechen, und daß außerparlamentarische politische Aktionen notwendig sind, um Veränderungen zu erreichen.“ (Moyer 1990, 14) Parallel wurde der juristische Weg weiterverfolgt.

Phase III: „Reifende Bedingungen”

„Für den Start einer neuen Bewegung sind gewisse Voraussetzungen nötig, die sich über viele Jahre entwickeln.“ (Moyer 1989, 24). Diese „reifenden Bedingungen“ können teilweise von der Bewegung geschaffen werden, wenn es darum geht, mit „kleinen örtlich begrenzten Auftaktdemonstrationen oder Kampagnen zivilen Ungehorsams den Konflikt zu dramatisieren“ (Ebd., 25) bzw. öffentlich zu machen, und die eigene Infrastruktur, die Zahl der aktiven Gruppen und Kompetenzen wachsen zu lassen. Zum anderen aber bedarf es „einer wachsenden Bewußtheit und Unzufriedenheit in der Bevölkerung der Betroffenen und ihrer Verbündeten“ (Ebd.‚ 24), die oftmals durch die äußeren Bedingungen, z.B. die tatsächliche Verschlechterung einer Situation, hervorgerufen werden, und zumindestens einen Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit auf das Problem lenken.

Spätestens mit dem Start der Kampagne „Wir stellen uns quer“ 1988 hatte die Anti-Castor-Bewegung die Phase III eingeläutet. Sie begann mit dem 300-Leute-Konzept: mindestens 300 Leute sollten öffentlich erklären „wenn der Castor kommt, stellen wir uns quer“, d.h. wir werden ihn blockieren. Mit dieser öffentlichen Kampagne zivilen Ungehorsams vollzog die BI einen wichtigen Schritt. Die Diskussion, was denn bei einem Castor-Transport zu tun sei, wurde öffentlich und motivierte viele, sich wieder regelmäßig zu treffen, um sich mit dem Konzept auseinanderzusetzen und sich schließlich auch zu dem Widerstand zu bekennen (Bauhaus 1988, 20).

In wenigen Wochen wurde der Aufruf von fast 700 Menschen unterzeichnet und einige Gruppen (Tierärzte und Apotheker, die Grünen, ein Fußballverein, die Jusos, LehrerInnen und Schülergruppen) zogen noch nach und veröffentlichten eigene Zeitungsanzeigen und Flugblätter (Bauhaus 1988/89, 26).

Damit war mit der Kampagne ein wichtiges Ziel, nämlich die Aktivierung neuer Gruppen (Moyer 1989, 25) erreicht worden. Die Ausgangsbedingungen hierfür waren günstig. Durch den Transnuklearskandal 1987/886 und das Auftauchen von „Blähfässern“ im Faßlager Gorleben7 war im Landkreis das Vertrauen in die Betreibergesellschaften stark erschüttert worden, was die nach Moyer für die Phase III typische wachsenden Unzufriedenheit bei der wendländischen Bevölkerung sowie anderen aufgeschlossenen Kreisen schürte (Ebd, 24).

„Wir stellen uns quer“ (so wurde die Kampagne später genannt) war seitdem ein Mobilisierungskonzept, auf das jeweils in Phasen eines erneuten Castor-Alarms zurückgegriffen werden konnte. So erklärten z.B. 1991 in einer neuen Mobilisierungskampagne erneut 560 EinwohnerInnen aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg in der Elbe-Jeetzel-Zeitung, daß sie sich bei einem Castor-Transport querstellen würden (Beaulieu 1996, 69). Bis zum Sommer 1994 wurde insgesamt viermal der Castor-Alarm ausgelöst. Die Transporte wurden jedoch aus politischen Gründen8 oder wegen Sicherheitsmängeln9 abgesagt. Wenn auch die „Wir stellen und quer-Kampagne“ bei jedem Castor-Alarm eine starke mobilisierende Wirkung gehabt hat, so wurde die nach Moyer (1989, 24) geforderte Dramatisierung oder Zuspitzung des Konflikts in dieser Phase noch nicht endgültig erreicht, da die angekündigte Blockade wegen der Absagen der Transporte noch nicht durchgeführt wurde.

Dieses wurde eher in anderen Kampagnen erreicht. 1991 wurde die Kampagne „Gorleben bebt“ gestartet. Jeden Montag wurde, jeweils von anderen Gruppen vorbereitet, das Zwischenlager blockiert (Mangels 1990, 5). Zudem konnten hier und stärker noch bei der mehrtägigen Blockade des Zwischenlagers anläßlich von Mal-Transporten 1991 wichtige Erfahrungen „über Vorgehensweisen und Probleme, die bei einer ‘Castor-Transport-Blockade’ auftreten könnten“ (Beaulieu 1992, 69/70) gemacht worden. Die brutale Räumung der Blockade und die Hinhaltetaktik der rot-grünen Landesregierung führten zum endgültigen Bruch der Bewegung mit rot/grün. Damit war ein weiteres Ziel der Phase III erfüllt. Mehr und mehr bildete sich eine unabhängige Opposition, da die Bewegung von „den offiziellen Institutionen, ihren Arbeitsweisen und Machteliten frustriert“ (Moyer 1989, 25) war.

Wie wichtig die immer wieder durchgeführte Castor-Mobilisierung und auch die Erfahrungen waren, die mit Aktionskonzepten und der Durchführung von Blockaden gemacht wurden, sollte sich erst später zeigen. Seit der Fertigstellung des AKW in Brokdorf 1986 und dem Aus von Wackersdorf im April 1989 hatte es für die Anti-AKW-Bewegung keine Kristallisationspunkte mehr gegeben. (Ehmke 1991/1992, 9). Nicht umsonst wurde für die Jahre 1991/1992 das „Aus“ der Anti-Atom-Bewegung verortet10. Um so wichtiger war es, als sich 1994 mit der erneuten Ankündigung eines Castor-Transports die Gelegenheit bot, die Transporte nach Gorleben zu einem neuen Kristallisationspunkt für die Bewegung werden zu lassen.

Die Politik der Herrschenden zeigte sich in dieser Phase noch nicht sonderlich von der Anti-Castor-Bewegung beeindruckt, „sie sind der Überzeugung, daß sie die Opposition auf den üblichen Wegen allein mit den politischen und. sozialen Institutionen und den Medien unter Kontrolle halte können“ (Moyer 1989, 25). Zwar wurden zu Ende 1992 durch die RWE und VEBA-Konzern-Chefs die Energiekonsensgespräche eingeleitet, doch kann diese Maßnahme eher als Strategie der Stromkonzerne hinsichtlich der allgemeinen Anti-Atom-Bewegung und „damit verbundenen parteipolitischen Ausstiegsplänen interpretiert werden, denn als direkte Reaktion auf den Anti-Castor-Protest. Die Pläne hinsichtlich des Zwischenlagers Gorleben dagegen wurden fortgesetzt. Im Februar 1992 beantragt die Brennelement-Lagergesellschaft Gorleben (BLG) eine erweiterte Genehmigung für das Zwischenlager Gorleben, um dort auch die speziellen Castor-Behälter aus der Wiederaufarbeitung einlagern zu dürfen (Kolb 1997, 28).
 

Phase IV: Der Start der Bewegung

Am Anfang der Phase IV steht gewöhnlich ein auslösendes Ereignis, das von den Medien hochgepuscht wird, und zu dem führt, was in der Öffentlichkeit als „soziale Bewegung“ wahrgenommen wird: eine Zeit mit Massenversammlungen, Demonstrationen und Aktionen zivilen Ungehorsams (Moyer 1989, 29). An vielen Orten werden die gewaltfreien Aktionen wiederholt, eine Menge neuer Aktionsgruppen werden überall aktiv (Ebd. 1989, 30). Als Reaktion versuchen die Herrschenden mit allen Mitteln ihre“ Politik zu verteidigen. Die entstandene Bewegung wird “als schlecht, radikal und unverantwortlich diffamiert. (Ebd. 1989, 31). Die Phase IV ist eine Zeit der Bewegungsaktivitäten. Hier demonstriert sie ihre Stärke und die Kraft ihrer Argumente. Das Ziel ist, in der Öffentlichkeit eine breite Unterstützung zu gewinnen, um die Bewegung zu verbreitern. „Es ist kein Ziel dieser Phase die Herrschenden dazu zu bewegen, ihre Meinung und ihre Programme zu ändern!“ (Ebd. 1989, 32).

Die Anti-Castor-Bewegung tritt im Sommer 1994 in die Phase IV „Start der Bewegung“ einEnde Mai löste die Mitteilung, daß neun abgebrannte Brennelemente aus dem AKW Philippsburg II in einem Castor-Behälter nach Gorleben gebracht werden sollen, im Landkreis Lüchow-Dannenberg zahlreiche Aktivitäten aus, von großen Demonstrationen, über den Bau eines Hüttendorfes bis zu zahlreichen täglichen und nächtlichen Einzelaktivitäten11. Mit diesen Aktionen wurde der geplante Castortransport zu einem dominierenden Medienereignis gemacht. „Die Republik hat ihr politisches Sommerthema“, titelte das Handelsblatt am 12.07.1994. Gleichzeitig wurde mit den neu emachten Aktivitäten das Comeback der Anti-AKW-Bewegung verortet (Spiegel 28/1994, 76). Getragen wurde die Bewegung vielfach von jungen Leuten, die an die alte Bewegung im Wendland anknüpften (HAZ, 12.07.1994). Mitte Juni konnte die neu erwachte Bewegung dann ihren ersten Erfolg feiern: Glogowski, Innenminister von Niedersachsen, mußte eingestehen, daß der Transport nicht vor Ende der niedersächsischen Sommerferien rollen kann, da er in der Urlaubszeit nicht genügend Einsatzkräfte zur Verfügung hat (Tempel/Stay 1995, 140/141).

Seit dem Sommer 1994 kann jeder Castor-Alarm, bzw. die Durchführung der Transporte jeweils im Frühjahr 1995, 1996 und 1997 als „Schlüsselereignis“ für einen erneuten Aufschwung der Bewegung angesehen werden. Dabei ist zunächst nur rein quantitativ betrachtet, bemerkenswert, daß bis zum Transport 1997 mit jedem Mal die Mobilistierungszahlen erhöht werden konnten (vgl. Abbildung 1). Die verringerten Mobilisierungszahlen anläßlich des Castor-Transportes nach Ahaus 1998 sollten den Eindruck einer Vergrößerung der Bewegung nicht trüben, ist doch die Zahl der DemonstrantInnen hier sehr stark durch die Vorverlegung des Transporttermins beeinflußt worden.

Aber nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Veränderungen innerhalb der Bewegung und ihrer Wirkung nach außen sind zu verzeichnen. Hier ist zunächst die Ausweitung der Bewegung zu nennen. Nach Meyer (1989, 30) kann man vom Start einer neuen Bewegung sprechen, „wenn die gewaltfreien Aktionen an vielen Orten wiederholt werden.“

Waren Aktionen gegen Castor-Transporte im Sommer 1994 noch sehr stark auf das Wendland beschränkt, so kam es im Laufe der Jahre zu immer “mehr bundesweiten Aktivitäten, wie Demonstrationen und Blockaden, die ab dem zweiten Transport in zahlreichen Städten an der Strecke im gesamten Bundesgebiet durchgeführt wurden12. Genauso gehört die Entstehung „neuer unabhängiger Aktionsgruppen“ (Meyer 1989, 30) zum Start der. Bewegung: etwa 100 neue Castorgruppen gründeten sich nach dem ersten Transport in der ganzen BRD (Redaktion AtomExpress 1997, 146).

Zu der immer stärkeren Ausweitung der Bewegung auf die gesamte BRD kommt eine Verbreiterung. Waren die Aktivitäten mit den zahlreichen direkten Aktionen im Sommer 1994 noch sehr stark von AktivistInnen der Jugendumweltbewegung geprägt, so gewann die Bewegung mehr und mehr an aktiver Unterstützung von Menschen aus der Region: „Neben den traditionell aktiven Bauern/Bäuerinnen, LehrerInnen, PastorInnen ÄrztInnen, SchülerInnen etc. konnte mensch diesmal auch Bankangastellte und Bundeswehroffiziere beim Übertreten des Versammlungsverbotes treffen. An die 100 Firmen und Geschäfte, schlossen ihren Betrieb am Transport-Tag, damit sich die Belegschaft am Querstellen beteiligen konnte“ (Stay 1996a, 8), so beschreibt eine Auswertung die Situation nach dem 2. Castor-Transport 1996. Anläßlich des 3. Castor-Transportes erfasste der Widerstand sogar kommunale Organe: die Gemeinde Lüchow-Dannenberg verwehrte der Polizei das Recht, Turnhallen als Massenquartiere zu nutzen; der Kreistag ordnete an, daß der Landkreis anläßlich des Transportes 1997 kein Demonstrationsverbot zu erlassen habe und der Wasserbeschaffungsverband Hitzacker-Dannenberg beschloß mit großer Mehrheit, den Wassenwerfern der Polizei kein Wasser zur Verfügung zu stellen (Stay, 1997, 6).

Insgesamt betrachtet können Aktionen anläßlich der Castor-Transporte nach Moyer (1989, 30) als Sogenannte „Dilemma-Demonstrationen“ interpretiert werden. Bei „Dilemma-Demonstrationen“ können die Herrschenden, „wie immer sie auch reagieren, nur verlieren.

Wenn sie die DemonstrantInnen ignorieren, können sie ihre Politik nicht länger (...) fortsetzen. Verfolgen sie andererseits die DemonstrantInnen oder nehmen sie sie sogar fest, so führt das in der Regel zu noch mehr Sympathie und Unterstützung für die Opposition.“ (Ebd, 30) Dieses trifft auch auf unser Beispiel zu, besonders da sich der Widerstand im Wendland mittlerweile durch seine Verankerung in der Region und seine Bodenständigkeit (“der Trecker als Symbol“, vgl. Kolb 1997, 2,4) legitimiert hatte.

Um den „Dilemma-Demonstrationen“ auszuweichen verfolgen die Herrschenden in der Phase IV ihrerseits eine bestimmte Strategie: „Sie versuchen mit allen Mitteln, ihre Politik zu verteidigen und die neue Bewegung schlechtzumachen“ (Moyer 1989, 31). Diese Strategie der Herrschenden konnte besonders nach dem 2., Castor-Transport 1996 beobachtet werden: Während der Protesttage und nach dem Transport gab es von der Presse und verantwortlichen PolitikerInnen zahlreiche Versuche von den Zielen der Castor-GegnerInnen abzulenken und die Bewegung stattdessen als „randalierende Chaoten“ zu diffamieren. Ein angeblicher Ausspruch eines Polizeisprechers machte in der Presse die Runde: „Das ist hier wie Krieg.“ In zahlreichen Medien wurde das Bild vom „Kampf um Gorleben“ heraufbeschworen. Brennende Strohballen und vereinzelt fliegende Steine und Flaschen dominierten die Bilder im Fernsehen (Breuer 1996, 64). Gewaltfreie Aktionen, die mehrheitlich das Bild bestimmten, und die gewalttätige Strategie der Eskalation der Polizei wurden in den Medien größtenteils verschwiegen (vgl. Komitee für Grundrechte und Demokratie 1996).

Nach dem Transport wurde mit einem vertraulichen Bericht des Verfassungsschutzes, der gezielt den Medien zugespielt worden war (z.B. Der Spiegel 45, 1996, 62; taz, 18.12.1996), sowie mit einer Angstkampagne im Vorfeld des 3. Castor-Transportes erneut versucht, die Bewegung zu diffamieren (vgl. FR, 28.02.1997: Kanther droht ‚Castor-Gegnern‘).

Beim dritten Castor-Transport ging diese Strategie der Herrschenden nicht mehr auf. Zum einen war die Menge der protestierenden Menschen erneut gewachsen; Die Schätzungen belaufen sich auf 15.000 Menschen, die sich am Tag X dem Transport in den Weg stellten. Zum anderen bot die gewaltfreie Sitzblockade „Xtausendmal quer“ von ca. 9000_Menschen vor dem Verladekran nicht die geringste Möglichkeit, den Protest als gewalttätig zu diffamieren. ‚Endgültig jetzt waren die Verantwortlichen in das „Dilemma“ hineingezwungen. Sie entschieden sich für eine unverhältnismäßig gewalttätige Räumung der Blockade und ernteten damit ein Presseecho und eine öffentliche Meinung, die starke Sympathie für die Bewegung verkündete.

Phase V: „Identitätskrise und Machtlosigkeit”

Auf den Start der Bewegung folgt nach einiger Zeit für einen Teil der AktivistInnen ein Gefühl der „Identitätskrise und Machtlosigkeit“, kennzeichnend für Phase V. Sie wird durch zweierlei hervorgerufen: Zum einen empfindet die Bewegung nach dem unruhigen, von Massenaktivitäten und großer Medienpräsenz gekennzeichneten Start der Bewegung die nun folgende ruhigere Phase als Abflauen der Bewegung und damit als erfolglose Phase (Moyer 1989, 35). Zum anderen, und das ist ein entscheidender Punkt, macht eine Bewegung oft den Fehler, nach Durchlaufen der Phase IV den Erfolg zu erhoffen und von den Herrschenden zu erwarten, daß sie ihre konkrete Politik ändern, ‘also die Geister-Transporte aufgeben. Der Erfolg ist nach Moyer jedoch ‘erst nach "einer massiven öffentlichen Unterstützung für die Bewegung zu erwarten. Ganz ausdrücklich sind daher in der Phase IV nicht die Herrschenden die Zielgruppe der Bewegungsaktivitäten, sondern die Öffentlichkeit (Ebd, 42).

 

Beides trifft auch auf die Anti-Castor-Bewegung zu. Von einem Teil der Bewegung wird nicht gesehen, daß die erreichten Mobilisierungen vom 1. bis zum 3. Castor-Transport einen Erfolg der Bewegung darstellen. Die Tatsache, daß der Transport nicht verhindert werden konnte, und somit eine Änderung der Politik der Herrschenden nicht erreicht werden konnte, wurde teilweise als Niederlage begriffen (BSR 1997, 26; vgl. auch ZECK, 4/97, 6), ohne zu sehen, daß genau dieses eben in dieser Phase — auch gar nicht zu erwarten war.

Auch andere Charakteristika der Phase V lassen sich in der Castor-Bewegung wiederfinden: die aus dem Gefühl der Niederlage entstehende Forderung nach Radikalisierung und mehr Militanz. „Im Nachhinein ist klar, daß ein besser organisierter, (auch) militanter Widerstand den Castortransport hätte verhindern können. Um einen nächsten möglichen Transport tatsächlich zu verhindern, wäre ein vielfältiger, militanter Widerstand nötig. Um diesen hinzukriegen, darf nicht den Scheinargumenten der ‘Macht den Transport teurer-Fraktion auf den Leim gegangen werden.“ (BSR 1997, 26)

Die Castor-Bewegung konnte jedoch im wesentlichen ein Abrutschen in Phase V verhindern. Hatten nach dem ersten Transport 1995 viele Menschen insgeheim den Zusammenbruch der Bewegung erwartet, da es — so Bundesumweltministerin Merkel in einem Gespräch mit Pastorlnnen aus Lüchow-Dannenberg — die bisherige Erfahrung mit sozialen Bewegungen gewesen sei, „daß sie zusammenbrechen, wenn es dem Staat gelingt, ein umstrittenes Projekt mit Brachialgewalt gegen heftigen Widerstand durchzusetzen“ (Stay 1996b, 76), so trat genau das nicht ein.

Als Ziel der Anti-Castor-Aktionen wurde zwar formuliert „den Castor stoppen“, jedoch war dieses als politisches Konzept verstanden worden,‘ welches symbolisch für das Ziel des Ausstiegs aus der Atomenergie steht. Eine tatsächliche Verhinderung eines Transportes wurde jedoch nie zum Maßstab für den Erfolg der Anti-Castor-Aktionen gemacht. Hier galt vielmehr das Motto, den Preis für einen Transport politisch und finanziell in die Höhe zu treiben, und damit die Durchführung weiterer Transporte unwahrscheinlich erscheinen zu lassen. Auch Kolb (1997, 24) benennt als ein Framingl und zwar, das möchten wir ergänzen, als das Framing13, welches die Bewegung nach innen richtet: „Selbst wenn wir diesen Castor nicht verhindern, verhindern wir damit vielleicht den nächsten oder übernächsten.“

Phase VI: Massive öffentliche Unterstützung

“Die Bewegung muß jetzt den Schritt "vom spontanen Protest, der im Kontext einer aktuellen Krise entstanden ist, zu einem an langfristigen Zielen orientierten Kampf für gesellschaftliche Veränderungen auf Massenbasis machen.“ (Moyer 1989, 42) Damit ist das zentrale strategische Ziel der Phase VI umrissen. „Jetzt ist es wichtig, die Sympathien, Meinungen und vor allem die Unterstützung eines immer größer werdenden Bevölkerungsteils zu gewinnen und möglichst viele dieser Menschen in den Prozeß des Widerstands und der Veränderung einzubeziehen.“ (Ebd., 42i) Größtes Problem dieser Phase ist, nicht in den in Phase IV erfolgreichen Methoden des Protests steckenzubleiben und diese einfach nur zu wiederholen oder zu radikalisieren. Stattdessen geht es jetzt darum, im Rahmen-eines strategischen Planes das Thema neu zu definieren und Lösungsmöglichkeiten im Sinne der Bewegung vorzuschlagen. Bestandteile eines solchen strategischen Programmes sollten sein:

  • Bildung einer breiten, pluralistischen Bewegung, die durch geschickte Bündnisarbeit möglichst alle Teile der Bevölkerung umfaßt. Dazu ist es erforderlich, daß die Organisationen der Bewegung „lernen zusammenzuarbeiten, und ihre sonst oft übliche Selbstgerechtigkeit»; Animositäten und Uneinigkeit überwinden.“ (Ebd., 43) Hauptaufgabe-ist in dieser Phase, „die soziale, politische und ökonomische Basis der herrschenden Politik zu erschüttern.“ (Ebd, 42)

  • Wiederaufnahme der Nutzung gesellschaftlich anerkannter sozialer und politischer Institutionen, um (Teil-) Erfolge“ der Bewegung zu verankern und das Thema aktuell zu halten.

  • Gewaltfreie Aktionen und {Demonstrationen, vor allem zu „Schlüsselzeiten und an Schlüsselorten“ (Moyer 1990, 15) um auf neue Ereignisse r(z.B. neue Castor-Transporte) zu reagieren.

  • Programme zur Einbeziehung der BürgerInnen, damit diese nicht nur informiert sind und das Thema auch auf lokaler Ebene in der Diskussion bleibt, sondern sich auch an den Aktivitäten der Bewegung beteiligen können. Diese Programme müssen „einerseits politische Gegebenheiten, Gesetze und Programme in Frage stellen, während sie gleichzeitig Träger allgemein anerkannter Werte sind und die Alternativen der Bewegung deutlich machen.“ (Moyer 1989, 44) Hierin drückt sich aus, daß es eben — entsprechend der Konsens-Theorie der Macht — nicht ausreicht, wenn die Bevölkerung zwar für die Ziele der Bewegung ist, den Herrschenden den Konsens aber nicht aktiv entzieht. „Das ‚aktiv‘ ist hier entscheidend. Der Herrschende wird durch grummeln, Entfremung oder kritische Analyse allein nicht bedroht.“ (Martin 1989, 214)

Die Anti-Castor-Bewegung‘ steht für uns seit dem 3. Castor-Transport ins Wendland im März 1997 an der Schwelle der Phase VI. Die erreichte Breite der Bewegung und die Zustimmung in der Öffentlichkeit14 (nach Moyer unterstützen zu Beginn der Phase VI etwa 65 % der Bevölkerung die Ziele der Bewegung) sind ein Indiz dafür.

Ebenso die Politik der Herrschenden. Sie reagieren in dieser Phase auf die Bewegung mit einer „harten Linie des Krisen-Managements“ (Meyer 1989, 48).

Dazu dienen neue Sprachregelungen, aber auch die Wiederbelebung alter“ Schreckgespenster (“Chaoten und Terrorjsten“). Im wesentlichen werden die bereits in Phase IV begonnenen Maßnahmen der ‘Repression und Diffamierung verschärft.

Die Ereignisse von Ahaus bestätigen dieses. Zunächst paßt das Ausweichen der Herrschenden von Gorleben nach Ahaus in das Muster des MAP, denn diese „nutzen alle ihre Einflußmöglichkeiten auf die Dynamik des Konfliktes mit der Bewegung, indem sie ihre Strategien, ihre Haltungen und Programme ändern, wie es gerade am günstigsten erscheint.“ (Moyer 1989, 48). Genauso ist die bis in die Führungsetagen der Polizei und die Landtagsfraktionen geheimgehaltene Vorverlegung des Transporttermins einzuordnen. „Wenn wir den 25. März als Termin eingehalten hätten, wären 30.000 Polizisten ebenso vielen Demonstranten gegenüber gestanden“ (Focus, 13/1998, 41), muß denn auch ein Ministeriumssprecher eingestehen. Im Vorfeld des Transportes wurde durch die Herrschenden das Bild von „2000 in Ahaus einfallenden Chaoten“ heraufbeschwören, was in der Ahauser Bevölkerung lange zu einer großen Unsicherheit und Angst geführt hatte. Der von den DemonstrantInnen mit überwältigender Mehrheit praktizierte gewaltfreie Widerstand auf der einen Seite, und die oft zu beobachtenden unverhältnismäßig gewalttätigen Einsätze der Polizei gegen Demonstrantlnnen und SitzblockiererInnen z‚T. mitten in der Ahauser Innenstadt sowie als Maßnahme verschärfter Repression massenhafte Ingewahrsamnahmen, führten bei der Ahauser Bevölkerung zu einer Umkehrung ihrer Meinung. Diese belegt u.a. der Kommentar in der Münsterland Zeitung vom 23. März: „Und eines hat die Ankunft des Castors auf jeden Fall bewirkt: Ein nicht geringer Teil der Bevölkerung, der bislang der Diskussion unentschlossen oder gleichgültig gegenüberstand, neigt jetzt zur Seite des Protestes.“ Einmal mehr hat sich hier also das „Dilemma“ für die Herrschenden gezeigt. Ihre Strategie der Diffamierung des Protestes ist nicht aufgegangen, Ausweichmanöver und Repression führten in der Ahauser Bevölkerung zu einer massenhaften Sympathie und auch aktiven Unterstützung für die Bewegung. Nach dem MAP analysiert, können wir, wollten wir die Ahauser Bewegung für sich betrachten, dort sicherlich von der Phase IV, dem Start der Bewegung sprechen.

Um der Gefahr, im Protest steckenzubleiben, zu entgehen ist es nach Moyer (1989, 45-46) für die Bewegung jetzt wichtig, neue überregional handlungsfähige Strukturen aufzubauen, die den Schritt vom Protest zum Aufzeigen von Alternativen umsetzen können. Die lockeren und sehr stark informell geprägten Strukturen waren für die Protestphase zwar angebracht, führen aber langfristig zu nachlassender Effektivität.

Der entscheidende Schritt besteht darin, aus den Basisstrukturen der Bewegung heraus eine bundesweite Koordination zu entwickeln, die einerseits die Aktivitäten der Bewegung besser koordinieren kann, andererseits die Alternativen radikal formulieren und die notwendigen Programme zur Einbeziehung der BürgerInnen entwickeln und umsetzen kann. Dabei müssen sie neue Verbandsstrukturen und die Bildung einer neuen Polit-Elite verhindern. „Wichtigstes Ziel ist, die Basis der Bewegung zu fördern, zu unterstützen und zu ermutigen, und darauf zu achten, daß die internen, basisdemokratischen Strukturen erhalten bleiben.“ (Ebd.‚ 46)

Phase VII: Erfolg

Der Erfolg der Bewegung ist dann zu erwarten, wenn sich in einem jahrelangen politischen Prozeß ein neuer gesellschaftlicher Konsens im Sinne der Ziele (und Alternativen) der Bewegung herausgebildet hat. Dann kommt es „zu einer letzten Kraftprobe, an deren Schluß der Erfolg der Bewegung steht.“ (Moyer 1989, 52) Moyer unterscheidet dabei im wesentlichen drei Varianten:

  • Der dramatische Entscheidungskampf, der im wesentlichen der Startphase der Bewegung ähnelt. Durch eine Krise oder ein anderes Ereignis kommt‚ es zu einer breiten Mobilisierung der Öffentlichkeit, durch die die Herrschenden zu einer Veränderung ihrer Politik gezwungen werden können.

  • Der stille Entscheidungskampf ist weniger sichtbar, da die Herrschenden ihre Politik schleichend ändern, ohne daß es zu einer weiteren massiven Auseinandersetzung mit der Bewegung kommt.

  • Der lange Zermürbungsprozeß ist gegeben, wenn sich der Erfolg leise und fast nicht wahrnehmbar einstellt.

 

Die Aktivitäten der Bewegung verlagern sich in dieser Phase von der eigentlich Bewegung zu den „traditionell Progressiven, auf die gemeinhin ‘unpolitische’ Mehrheit der Bevölkerung und die breiten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Gruppierungen und Institutionen.“ (Meyer 1989, 53) Dabei beteiligt sich die Öffentlichkeit mehr und mehr an den Aktivitäten der Bewegung, die bis hin „zu konkreten politischen und wirtschaftlichen Sanktionen gehen“. (Ebd, 53).

In dieser Phase ist für die Herrschenden der Preis für die Aufrechterhaltung der alten Politik höher als ein Einlenken (Meyer 1990, 15). Aufgabe der Bewegung ist es, diese‚ Auseinandersetzung mit den Herrschenden machtvoll und offensiv zu führen. Sie muß eine „klare und mächtige Rolle in der Öffentlichkeit“ spielen und durch „Massendemonstrationen“ den Erfolg erzwingen. Dazu ist es notwendig, die Öffentlichkeit dazu zu bewegen, Veränderungen aktiv einzufordern. Gefühle der Machtlosigkeit und des „man kann ja doch nichts ändern“, die in der Öffentlichkeit weit verbreitet sind, und die Angst vor Veränderung, die trotz Ablehnung der Politik der Herrschenden häufig zu Passivität führt, müssen umgewandelt werden in den aktiven Wunsch nach Veränderungen im Sinne der Bewegung (Meyer 1989, 54-55).

Die Caster-Bewegung, durch Phase VI und VII führen

Aus der Beschreibung der Bewegungsziele in den Phasen VI und VII ergibt sich die Frage, wie diese für die Anti-Caster-Bewegung konkretisiert werden können, wie sie den Schritt vom „Protest … zu einem … Kampf für gesellschaftliche Veränderungen“ (Moyer 1989, 42) machen kann.

Die erste Aufgabe der Bewegung - und dabei machen wir uns die wenigsten Sorgen — besteht in der Reaktion auf neue Schlüsselereignisse wie z.B. den Castor-Transport in Ahaus Ende März und die Ausweitung solcher Aktionen auf die Transporte zu den Wiederaufarbeitungsanlagen in La Hague/Frankreich und Sellafield/Großbritannien.

Wichtigstes Ziel hierbei ist, daß derzeitige „Framing“, den Caster-Transport finanziell und politisch so teuer wie möglich zu machen, beizubehalten und nicht in „Gewalt, Aufruhr und machohafte Radikalität“ (Moyer 1989, 49) zu verfallen.

Genau das derzeitige Framing gewährleistet, daß im Stile der „Dilemma-Demonstrationen“ die Herrschenden nur verlieren können, während eine Umorientierung auf die Verhinderung der Transporte durch die Aktionen der Bewegung zu einer im Prinzip militärischen Auseinandersetzung führen würde, bei der die Bewegung, selbst wenn sie gewaltfrei bleibt, nur verlieren könnte.

Als zweites ist es Wichtig, in der Bewegung Strukturen zu schaffen, die unabhängig von aktuellen Aktionsanlässen (Gorleben, Ahaus, WAA-Transporte) sind und in der Lage, langfristige strategische Diskussionen zu führen.

Dies ist erforderlich, damit in der Öffentlichkeit nicht Verbände und Lobbyorganisationen oder gar Parteien wie Bündnis 90/Die Grünen für die Bewegung sprechen und somit letztlich die Öffentliche Wahrnehmung der Bewegung und ihrer Ziele dominieren.

Als drittes ist es wichtig, den Widerstand weiter zu verbreitern und im Alltag zu verankern. Hierzu sind Aktionen notwendig, die-in der Lage sind, mit geringem Aufwand für den/die Einzelne/n möglichst- viele BürgerInnen einzubeziehen und sie zu einem aktiven Entzug ihrer Zustimmung zu ermuntern. Diese Aktionen sollten ebenfalls die Betroffenheit eines/r jeden deutlich machen.

Aus unserer Sicht bieten sich hier Aktionen wie z.B. „giroblau“ an. Kurz gesagt meint „giroblau“‚ die eigene Stromrechnung zwar zu bezahlen, aber ohne Angabe der KundInnenumme und eventuell sogar ohne Angabe des Namens. Indem zusätzlich die Rechnung in mehreren Teilbeträgen auf verschiedene Konten des Energieversorgungsunternehmens (EVU) gezahlt wird, und die Summe der Teilbeträge auch nur im mehrmonatigen Mittel der Rechnungssumme entspricht, kann dadurch erheblicher Mehraufwand für die EVUs erzeugt werden, ohne daß die Aktion rechtliche Konsequenzen haben könnte, denn bezahlt wird ja.15

Eine solche Aktionsform würde aus unserer Sicht mehrere strategische Ziele der Phasen VI und VII erfüllen:

  • sie hält das Thema in der Diskussion und verlagert es in den Alltag;

  • sie macht die Betroffenheit aller deutlich (jede/r zahlt Atomstromrechnungen);

  • sie dokumentiert den aktiven Entzug der Zustimmung zu den Herrschenden;

  • sie stellt eine Art der wirtschaftlichen Sanktion dar.

Neben einem konkreten „Ausstiegsszenario“, das sich die Bewegung bisher augenfällig zu entwickeln weigert (Ehmke 1998, 56), stellt „giroblau“ auch die Brücke dar zum Aufzeigen alternativen Lösungen. Die Frage der Atomkraftnutzung wird damit in einen „größeren Gesamtzusammenhang“ (Moyer 1989, 56) gestellt. Bereits nach Tschernobyl spielte vor allem auf lokaler Ebene die Diskussion um eine „Energiewende“ eine große Rolle. Hierbei ging es gerade um den von sozialen Bewegungen nach Moyer anzustrebenden „Paradigmenwechsel“ (Ebd, 56). Die erste Hälfte der 90er Jahre war eine entscheidende Phase für diesen Paradigmenwechsel (z.B. Hennicke u.a., 1985 sowie Leonhardt u.a., 1989). Die damaligen Diskussionen um eine „Energiewende“ — ausgelöst durch Tschernobyl und die Mehrheitephase der Anti-AKW-Bewegung — führten in wenigen Städten zu einer Re-Kommunalisierung der Energieversorgung. Auch die Jahre ab 2000 bieten in vielen Kommunen wieder die Chance, diesen Paradigmenwechsel umzusetzen, sofern die Bewegung bis dahin die in Phase VI anstehenden „Aufgaben“ auch erfüllt.

Wir sehen die Castor-Bewegung somit jetzt in ihrer entscheidenden Phase, in der die Weichen für den Erfolg zu stellen sind. Die Frage der Bundestagswahlen (CDU/FDP oder rot-grün) ist zwar für diese Weichenstellung eventuell nicht bedeutungslos, doch entscheidet sich daran aus unserer Sicht im wesentlichen die Art des „Entscheidungskampfes“. Im Sinne des MAP ist auch eine rot-grüne Bundesregierung zu den Herrschenden zu zählen, und auch eine rot-grüne Bundesregierung wird ohne eine entsprechende Strategie der Bewegung, die sie von Anfang an außerparlamentarisch mit den oben beschriebenen Strategien unter Druck setzt, höchstens zu unbedeutenden Reformen in der Lage sein. Die von sozialen Bewegungen angestrebten gesellschaftlichen Veränderungen entscheiden sich nicht an Wahlurnen; sondern - wie Moyer es ausdrückt - durch die Gewinnung „der Herzen und Köpfe der Bevölkerung“.

 

Dieser Text wurde ursprünglich in der Zeitschrift 'gewaltfreie aktion', Vierteljahreshefte für Frieden und Gerechtigkeit, Nr. 115/116, Anfang 1999 veröffentlicht. Diese Version wurde eingescannt und etwas korrigiert. Fehler sind aber trotzdem wahrscheinlich noch vorhanden.

 

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Anmerkungen

1Stark vereinfachend wird dabei von Moyer (1989) das Bild der „Bewegung“ aufgebaut, die sich als Macht von unten gegen die Politik der „Herrschenden“ zur Wehr setzt. Auch wenn gerade, in parlamentarischen Demokratien eine Abgrenzung, wer zu den „Herrschenden“ zu zählen ist, fast unmöglich erscheint, möchten wir den Begriff Moyers im Folgenden trotzdem weiterbenutzen und verstehen dabei die „Herrschenden“ für unser Beispiel als diejenigen, die in Politik und Wirtschaft verantwortlich an einer Fortsetzung des Atomprogramms mitwirken.

2vgl. hierzu Burrowes 1996, 83-96

3Das NEZ sollte aus einem Endlagerbergwerk für alle Arten radioaktiver Abfälle, einem Eingangslager für abgebrannte Brennelemente (ausgeführt als soagenanntes Naßlager), einer Wiederautarbeitungsanlage (WAA) mit einer Kapazität von 1.400 t pro Jahr und einer Anlage zur Behandlung der Abfälle bestehen (NG 350 1983, 2).

4die Auseinandersetzungen um das Endlager gingen daher auch weiter und führten u.a. zu zahlreichen direkten gewaltfreien Aktionen, zunächst gegen die Probebohrungen. Sie gipfelten schließlich in der „Republik Freies Wendland", der Besetzungs der Bohrstelle 1004 durch mehrere Tausend Menschen (Halbach/Panzer, 1980). Auch diese Bewegung durchlief bereits vor der Castor-Bewegung weitere Phasen des MAP.

5Das Zwischenlager wurde zunächst nur nach Baurecht genehmigt. Die atomrechtlich relevanien Sicherheitsfragen sollten erst später im Rahmen einer zu erteilenden Betriebsgenehmigung eine Rolle spielen.

6Transnuklear war der Name eine Aiomtransporte durchführenden Firma mit Sitz in Hanau. Beim Transnuklear-Skandal ging es darum, daß im belgischen Mol verpackter Atommüll falsch deklariert worden war und unter einige Abfälle "irerboienennreise Plutionium gemischt werden war. Außerdem flossen erhebliche Schmiergelder, zwei Beteiligte (je eine Person aus einer Genehmigungsbehärde und von einer beteiligten Firma) begingen Selbstmord. Schließlich kam sogar der Verdacht auf - bis hin zur Bundesministerebene für glaubwürdig geha ten — daß atomwaffenfähiges Material nach Pakistan geliefert worden war. Dieser Verdacht bestätigte sich aber nicht. (ausführlich: Schneider 1988)

71991: fehlende Rücknahmegenehmigung für defekte Behälter des AKW Biblis (Tempel, Stay 1995, 140).

81990: Wahl in Niedersachsen, und 1992: Absage wegen beginnender Energiekonsensgespräche (Tempel, Stay 1995, 140).

9durch chemische Prozesse blähten sich einige der in Gorleben eingelagerten Fässer auf, wodurch bei mindestens zwei Fässern Risse in der Außenhaut von bis zu 15 cm Länge entstanden. Nach einem Bericht der EJZ bestand bei 795 Fässern die Gefahr des Aufblähens. (EJZ, 13.02.88).

10so befaßt sich z.B. eine Schwerpunktausgabe der atom im Mai 1991 mit der Frage: „Anti-AKW-Bewegung am Ende?“

11vgl. hierzu: anti atom aktuell, ‚Widerstand gegen Atommüll, eine Dokumentation der anti atom aktuell", 54/55, 1994.

12nach dem Infofax der Graswurzelwerkstatt Köln „Widerstand im Hinterland" kam es 1996 in mehr als 32 Städten zu Anti-Castor-Aktionen

13"Framing meint die Entwicklung und Propogierung eines Deutungs- und Erklärungsmusters, in dessen Rahmen die Bewegung den Konflikt, ihre Ziele und ihr Vorgehen in einer bestimmten Weise definiert, interpretiert und rechtfertigt" (Kolb 1997, 23)

14nach einer Umfrage von Emnid (März 1997} sprachen sich 42% der Befragten für Demonstrationen gegen Castor-Transporte ohne Behinderungen aus, 20% befürworteten eine friedliche Behinderung von Castor-Transporten und 1% eine gewaltsame Behinderung. Gegen Demonstrationen sprachen sich 20% der Befragten aus.

15die Aktion „giroblau” wurde in den 80er Jahren vor allem von Robin Wood propagiert, um die EVU zum Einbau von Abgasreinigungsonlogen in ihren Kraftwerken zu zwingen, vgl z.B. Lq 1983, 10-12



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Article | by Dr. Radut