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Buchbesprechung: Gay propaganda. Russian Love Stories

Masha Gessen & Joseph Huff-Hannon (Hrsg.), OR Books, New York und London, 2014
ISBN 978-1-939293-35-0 (Taschenbuch), 978-1-939293-36-7 (e-book)
Russisch und Englisch, 224 Seiten

Dieses Buch wurde in kurzer Zeit erstellt, damit die Veröffentlichung zur Winterolympiade im russischen Sochi erfolgen konnte, und man merkt es dem Buch an, denn – und das geben die HerausgeberInnen auch offen zu – das Spektrum der im Buch enthaltenen Erfahrungen ist doch stark begrenzt auf im wesentlichen besser stehende russische Schwule und Lesben, überwiegend in Paarbeziehungen lebend und mit der Möglichkeit ins Ausland zu reisen, sowie einem höheren Bildungsstand. Die Veröffentlichung des Buches ist eine Antwort auf die Welle staatlich unterstützter Homophobie in Russland, die in dem Gesetz, mit dem „Propaganda für nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen“ verboten wird – oft eng interpretiert als Verbot der Propaganda für Homosexualität, auch wenn tatsächlich ein breiteres Spektrum nicht-patriarchaler sexueller Beziehungen potenziell betroffen ist (siehe z.B. ILGA Europe, 11. Juni 2013).

„Gay propaganda“ versammelt „russische Liebesgeschichten“ – Geschichten von Schwulen und Lesben (sowie eine trans*-Geschichte) – und zu ihrem Leben in Russland vor und nach der Verabschiedung des Gesetzes. Es ist voll von Geschichten zum alltäglichen Kampf gegen Homophobie, gesund zu bleiben in einer ungesunden und „verrückten“ Umgebung, voll von Hass und Liebe. Es ist voll von Geschichten wie staatlich geförderte Homophobie homophobe Gewalt anheizt und somit ein Klima der Angst und Paranoia schafft, aber auch der Kraft von Menschen die ihre Angst überwinden und ihr Leben leben. Doch es zeigt auch, dass Homophobie nicht überall ist – da gibt es auch die Mütter, Väter, und FreundInnen, die wenig Probleme mit ihren schwul-lesbisch-trans-queeren Kindern oder FreundInnen haben und in Mitten eines Meeres der Homophobie Inseln der Klarheit und Akzeptanz schaffen.

Für wen ist dieses Buch? Masha Gessen schreibt in ihrem Teil der Einleitung: “Das wird ein Samizdat-Projekt sein, das Geschichten fuer ein kleines Publikum erzaehlt, das diese braucht”. Und dieses Publikum sind Schwule, Lesben, Trans* und Queers überall auf der Welt – aber wahrscheinlich insbesondere in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion – die in einer Umgebung staatlich angetriebener Homophobie leben und versuchen, einen klaren Kopf zu bewahren. Für sie kann dieses Buch mit seinen Geschichten und Erfahrungen Hoffnung bieten.

Trotzdem habe ich mit dem Buch ein paar Probleme, was mich zu dessen Schwächen bringt. Das Buch konzentriert sich auf schwule (und lesbische) Identitäten, ausgehend von schwul-lesbischer Identitätspolitik, wie wir sie im Westen kennen. Diese werden aber von queer-AktivistInnen zunehmend in Frage gestellt, die die Normalisierung von schwul-lesbischen Identitäten und deren universelle Gültigkeit für ein breites Spektrum „nicht-traditioneller sexueller Beziehungen“ oder Geschlechteridentitäten hinterfragen. Davon findet sich sehr wenig im Buch. Wo sind die russischen Queers, trans*, oder andere „sexuelle AußenseiterInnen“? Wo sind die „Männer-die-Sex-mit-Männern-haben“ oder die „Frauen-die-Sex-mit-Frauen-haben“, die sich aber nicht entlang westlicher schwul-lesbischer Identitäten identifizieren, oder die kein Leben basierend auf heterosexuellen Modellen der Paarbeziehungen leben wollen? Vor dem Hintergrund dieser Schwächen bekommt der Titel des Buches – gay propaganda – für mich eine zweite, wahrscheinlich unbeabsichtigte Bedeutung: Propaganda für die Normalisierung schwuler (und lesbischer) Identitäten entsprechend heterosexueller Modelle.



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Article | by Dr. Radut