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Atomenergie – Der lange Weg zum Ausstieg

Workshop auf der Tagung "Konflikte in Deutschland", Evangelische Akademie Bad Boll, 12.–14.02.1999

Andreas Speck, Patchwork – Verein zur Förderung demokratischer Selbstorganisation e.V.

Der Konflikt um die Nutzung der Atomenergie hat zunächst einmal nichts oder wenig mit dem Fall der Mauer vor 10 Jahren zu tun, er ist wesentlich älter, und die Anti-AKW-Bewegung im Westen hat schon lange vor dem Fall der Mauer ihren ersten Höhepunkte hinter sich gebracht. Trotzdem wurde auch dieser Konflikt durch den Zusammenbruch und die anschließende Annexion der DDR verändert und geprägt.

Trotzdem will ich den Atomkonflikt in diesem Beitrag zumindest auch für die Zeit vor dem Fall der Mauer skizzieren. Den Schwerpunkt werde ich jedoch auf die Veränderungen durch 1989 und die Entwicklung der Konfliktes seit diesem Zeitpunkt bis zum Beginn der "Energiekonsensgespräche" im Januar diesen Jahres in Bonn legen. Im zweiten Teil dieses Workshops am heutigen Nachmittag sollen dann anhand der Kampagne X-tausendmal quer-überall konkrete Handlungsansätze zur Diskussion gestellt werden.

 


I. Die Durchsetzung der Atomkraft durch Staat und Atomindustrie

 

»Alles war hoffnungsfroh gestimmt, das Atomzeitalter war angebrochen,

die Zukunft hatte begonnen. Nur eine Gruppe machte Vorbehalte.

Es waren dies die großen Stromversorgungsunternehmen,

darunter das größte von ihnen, das RWE.

Sie wollen an das goldene Zeitalter nicht recht glauben.«

O. Löbl, Berater des RWE

 

Dieses Zitat mutet seltsam an, bedenkt man das aktuelle Verhalten der Energiekonzerne angesichts der Energiekonsensgespräche, wo um Restlaufzeiten gefeilscht und mit Schadensersatz gedroht wird. Dieses Zitat ist auch schon etwas älter: es stammt aus dem Jahr 1960. Deutlich wird dabei: die Initiative zur Einführung der Atomenergie ging zunächst nicht von den EVU (Energieversorgungsunternehmen) aus, sondern vom Staat und der Kraftwerksindustrie. Die Nutzung der Atomenergie ist aufs engste verbunden mit der Entwicklung der elektrischen Verbundwirtschaft und einer großtechnologischen Orientierung der gesamten Elektrizitätswirtschaft. Die Auseinandersetzung um Atomenergie kann daherv treffend als eine Auseinandersetzung um einen "harten" oder "sanften" Weg der Energieversorgung bezeichnet werden. Robert Jungk schrieb dazu bereits 1979: "Sieht man die industrielle und politische Entwicklung der letzten hundert Jahre im Licht des Gegensatzes zwischen einem «harten Weg», der von immer mehr Gesellschaftssystemen gewählt wurde, und einem «sanften Weg», der als rückständig in Verruf gerät, dann wird etwas sehr gravierendes deutlich: Die Entscheidung für die Kernenergie war die logische Folge einer Energiepolitik, die das Wachstum der Produktion rücksichtslos über alle anderen menschlichen Interessen stellte."

Dabei ging es nie um die Deckung von "Versorgungslücken" ("Ohne Atomstrom gehen die Lichter aus"), sondern im Gegenteil erst um die Schaffung und Steigerung der Nachfrage nach Energie. Deutlich hierzu z.B. das RWE in seiner Antwort an das Forschungsministerium (damals unter dem späteren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Stoltenberg (CDU)) im Jahr 1966: Voraussetzung für einen Einstieg in die Atomwirtschaft war aus Sicht des RWE "ein Anwachsen des Elektrizitätsverbrauchs in etwa gleichem oder stärkerem Umfang als er in den letzten Jahren zu beobachten war." Leider geht dieser Zusammenhang in der aktuellen Diskussion ziemlich unter.

 

Am 8. Dezember 1953 wurde von US-Präsident Eisenhower das "Atome für den Frieden"-Programm verkündet, mit dem die sogenannte "friedliche Nutzung der Atomenergie" propagiert wurde. In der Bundesrepublik wurde 1955 das "Bundesministerium für Atomfragen" unter dem "Atomminister" Franz-Josef Strauß (CSU) eingerichtet. Aus diesem Ministerium, mit dem "erstmals ein ausschließlich für die Interessen eines Teils der Großindustrie zuständiges Ministerium geschaffen" wurde, ging schließlich das Bundesministerium für Forschung und Technologie hervor. Durch drei staatliche Atomprogramme wurde bis 1972 die Atomforschung mit mehr als 10 Milliarden DM gefördert. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen wurden im Schnellgang durchgesetzt:

 

Januar 1956 Gründung der Deutschen Atomkommission

1958: Gründung der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom)

1959: Verabschiedung des Atomgesetzes

20. Mai 1960: Erlaß der Verordnung über Genehmigungsverfahren für AKWs nach § 7 AtG

Juni 1960: Erste Strahlenschutzverordnung

Februar 1962: Deckungsvorsorge-Verordnung

 

1958 erteilte die RWE den Firmen AEG und Hochtief den Auftrag zum Bau des Versuchsatomkraftwerks Kahl mit einer Leistung von 15 MW und gründete zusammen mit der Bayernwerk AG im Oktober 1958 die "Versuchsatomkraftwerk Kahl GmbH". 1961 ging das Versuchskraftwerk ans Netz. Das AKW Lingen I im Emsland wurde von 1964–68 gebaut und wurde bereits 1977 wegen zahlreicher Stillstandszeiten endgültig stillgelegt. 1966 folgte das "Demonstrationskraftwerk Gundremmingen" mit 237 MW Leistung, wobei hier wieder Bayernwerk und RWE gemeinsam auftreten. Die Baukosten von 300 Mill. DM werden überwiegend von der öffentlichen Hand getragen, nur 100 Mill. DM mußten die beiden EVU zuschießen. Billiger Atomstrom?

Den Durchbruch erzielte die Atomkraft jedoch erst Ende der 60er Jahre. RWE-Konkurrent PREAG gab 1967 zwei AKW-Blöcke zu jeweils 600 MW in Stade und Würgassen in Auftrag. Stade ging 1972 in Betrieb, Würgassen bereits im Oktober 1971. Während Stade jedoch noch läuft, wurde Würgassen 1995 stillgelegt. Nicht unwichtig zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, daß die PREAG 1927 vom preußischen Staat mit dem Ziel gegründet worden war, den Expansionsbestrebungen des RWE etwas entgegenzusetzen. Heute ist die PREAG im Besitz der VEBA, die wiederum noch bis vor wenigen Jahren dem Staat gehörte (und als kleines Bonbon am Rande soll erwähnt werden, daß der jetzige Bundeswirtschaftsminister Müller ehemaliger VEBA-Manage ist), und erst kürzlich privatisiert wurde. Doch erst mit dem Auftrag der RWE für Biblis Block A – mit 1.145 MW das damals größte Atomkraftwerk der Welt – war 1969 der Bann gebrochen. Damit hatte sich der größte Energieversorger, der bis dahin uneinig über die Nutzung der Atomenergie war, endgültig für Atomstrom entschieden und die Atomenergie erlebte in den Folgejahren einen Boom.

Vor allem in der ersten Hälfte der 70er Jahre wurden – nicht nur von der RWE – Atomkraftwerke in Auftrag gegeben. Mit Brokdorf ging dann am 7. Oktober 1986 zwar nicht das letzte Atomkraftwerk ans Netz (das AKW Lingen folgte erst 1988), doch das "Symbol" des militanten AKW-Widerstandes. Weitere Kraftwerksneubauten hat es seitdem nicht mehr gegeben, und es ist auch nicht mit einem weiteren Zubau von Atomkraftwerken zu rechnen.

 


Tabelle: Atomkraftwerke in der Bundesrepublik (ohne stillgelegte DDR-Kraftwerke)
























Atomkraftwerk

Leistung

Inbetriebnahme

Ende der Lagerkapazität

Brunsbüttel

771 MW


 

2002

Brokdorf

1290 MW

1986

2002

Krümmel

1260 MW


 

2000

Stade

640 MW

1972

1999

Esenshamm

1230 MW


 

2003

Grohnde

1300 MW


 

2003

Würgassen

640 MW

1971

stillgelegt 1995

THTR Hamm-Uentrop

300 MW

1985

stillgelegt

Mülheim-Kärlich

1227 MW

1986

abgeschaltet wg. Gerichtsbeschluß

Biblis A

1240 MW

1975

2000

Biblis B

1146 MW

1977

2000

Grafenrheinfeld

1225 MW


 

2003

Philippsburg 1

1268 MW


 

2000

Philippsburg 2

864 MW


 

2001

Obrigheim

340 MW


 

2001

Neckarwestheim 1

795 MW


 

2000

Neckarwestheim 2

1218 MW


 

2001

Gundremmingen 2

1244 MW

1984

2007

Gundremmingen 3

1244 MW

1984

2007

Ohu 1

870 MW


 

2006

Ohu 2

1368 MW


 

2005

Lingen

1242 MW

1988

2002

Quellen: Zängl, 1989, S. 399 (überarbeitet), Mez/Osnowski, 1996, Der Spiegel, 8.6.1998

 

 


II. Die Anfänge der Anti-AKW-Bewegung

 

»Es ist wohl ein Zeichen unserer Zeit, vielleicht des übergroßen Wohlstandes,

verbunden mit der Angst, ihn zu verlieren,


daß die Menschen verlernt haben,

das Risiko zu bejahen und die Herausforderung der Zukunft

nach vorn anzupacken. (...)

Energiepolitik ist kein Rahmen für zaghafte Beschlüsse.«

Gerhard Bischoff

 

Die ersten Atomkraftwerke stießen auf wenig Widerstand. Selbst die "Kampf dem Atomtod"-Bewegung Ende der 50er Jahre und die Ostermarsch-Bewegung in den 60er Jahren bekämpften zwar die militärische Nutzung der Atomenergie in Form von Atomwaffen, sprachen sich jedoch für die sogenannte "zivile Nutzung der Atomenergie" aus.

Die ersten Atomanlagen in der Bundesrepublik – der Versuchsreaktor Kahl, das Atomkraftwerk Biblis A und das Kernforschungszentrum Karlsruhe – stießen auf wenig Widerstand. Lediglich konservative Lebensschutzverbände wie z.B. der Weltbund zum Schutz des Lebens (WSL), artikulierten Bedenken. Eine wie auch immer geartete "Anti-AKW-Bewegung" gab es jedoch zunächst nicht.

Ab Anfang der 70er Jahre begannen mit dem zügigen Ausbau des Atomprogramms auch erste größere Proteste. Insgesamt war jedoch keine breite GegnerInnenschaft zu Atomkraftwerken zu verzeichnen. Umfragen zufolge sprachen sich ca. 15 % gegen Atomenergie aus. Doch lokal konnte das schon wieder ganz anders aussehen. Bereits 1971 wurden mehr als 40.000 Protestunterschriften gegen den Bau des AKW Unterweser bei Esenshamm gesammelt. Auch gegen das AKW Grafenrheinfeld unterschrieben im Sommer 1972 bereits 36.000 BürgerInnen, 65.000 BürgerInnen erhoben ebenfalls 1971 Einwände gegen das geplante AKW Breisach in Baden.

Vor allem an der Unterelbe (Brunsbüttel, Brokdorf) und am Oberrhein (Wyhl) – den beiden Regionen, in denen gleich mehrere AKWs gebaut werden sollten – entstand eine lokal verankerte Anti-AKW-Bewegung, die schon bald durch größere Aktionen von sich reden machte. Es würde hier zu weit führen, diese Bewegung im Detail nachzuzeichnen, von daher müssen einige schlaglichtartige Skizzen genügen.

 


Wyhl: erste Niederlage der Atomindustrie

Das erste Symbol der Anti-AKW-Bewegung bildet Wyhl. Im Dreiländereck zwischen BRD, Schweiz und Frankreich entstand eine breite regionale und grenzüberschreitende Anti-AKW-Bewegung, die bundesweit das Entstehen der Anti-AKW-Bewegung anregte.

Im April 1974 besetzten AKW-GegnerInnen aus den drei Ländern den Bauplatz des AKW Kaiseraugst bei Basel/Schweiz. Dem war bereits im Dezember 1973 eine symbolische Bauplatzbesetzung durch 20 Mitglieder der Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst (GAK) vorausgegangen. Die Aktionen in der Region entfalteten eine solche Breitenwirkung, daß der Baubeginn des AKW Kaiseraugst zunächst auf 1976 verschoben wurde. Die Aktionsform der Platzbesetzung wurde nur wenige Monate später gegen den Bau eines Bleichemiewerkes im elsässischen Marckolsheim erneut angewandt. Hier fand auf dem besetzten Platz wohl das erste gewaltfreie Massentraining statt, an dem sich teilweise bis zu 300 Personen beteiligten.

Im Mai 1973 wird Wyhl als Standort für ein AKW von der baden-württembergischen Landesregierung benannt. Ein Jahr später werden die Baupläne offiziell bekannt gegeben, und innerhalb von nur 4 Wochen erheben acht Gemeinden, fünfzig Vereine und nahezu 90.000 BürgerInnen Einwände. Nur wenige Monate später, am 18. Februar 1975, soll mit der Rodung des Bauplatzes begonnen werden. Doch besetzen 200 BürgerInnen den Bauplatz und erzwingen somit die Einstellung der Bauarbeiten. Zwei Tage später werden sie von 700 PolizistInnen geräumt, doch bereits drei Tage später besetzen 30.000 BürgerInnen erneut den Platz und vertreiben die Polizei. Es entsteht auf dem besetzten Platz die "Volkshochschule Wyhler Wald", in deren Rahmen zahlreiche Fachvorträge, Konzerte und Kulturveranstaltungen stattfinden. Erst am 7. November verlassen die BesetzerInnen den besetzten Bauplatz des AKW Wyhl. Letztlich wird das AKW nie gebaut.

Die beiden Besetzungen von Wyhl hatten jedoch eine "Schlüsselfunktion für die sich in der BRD entwickelnde Bewegung gegen Atomenergie". In Anlehnung an Bill Moyers "Movement Action Plan" können die Ereignisse um Wyhl als "Start der Anti-AKW-Bewegung" bezeichnet werden. Es entsteht recht schnell eine bundesweite Bewegung, in der sich lokale, meist eher bürgerlich/bäuerlich geprägte Standortinitiativen mit städtischen Gruppen, meist geprägt von der "neuen Linken", vernetzen. Dies führte jedoch auch zu Problemen, da die vermehrt auftretenden "Auswärtigen" die regionale Kontrolle des Widerstandes teilweise zurückdrängten. Unkonventionelle Aktionsformen sind dabei ein wichtiges "Markenzeichen" dieser Bewegung, demonstrierende Bauern/Bäuerinnen mit ihren Treckern und die berühmte Sonne werden zu Symbolen dieser neuen Bewegung.

 


Brokdorf/Grohnde/Kalkar: Die Sackgasse der Schlachten am Bauzaun

Die Stimmung in Sachen Atomenergie hatte sich – auch als Folge von Wyhl und den sich daraus bundesweit ergebenden Diskussionen – in nur fünf Jahren bereits erheblich gewandelt. 1976 hielten sich GegnerInnen und BefürworterInnen der Atomenergie in etwa die Waage.

Die nun stark überregional agierende Anti-AKW-Bewegung führte ihre erste Großaktion im Herbst 1976 in Brokdorf durch. Als Protest gegen den Baubeginn besetzten am 30. Oktober 1976 8.000 DemonstrantInnen den Bauplatz, werden aber von der Polizei "mit unfaßbarer Brutalität" (NDR-Nachrichten) vertrieben. Eine Wiederbesetzung mit 40.000 Menschen am 13. November 1976 scheitert ebenfalls trotz "bürgerkriegsähnlicher Schlacht". Saathoff bilanziert: "Die Ereignisse in Brokdorf führten zu einer Polarisierung innerhalb der Anti-AKW-Bewegung über die Formen des Widerstandes. Offensichtlich war, daß mit verzweifelten Akten von unkoordinierter, spontaner Gegengewalt Plätze nicht mehr eingenommen werden konnten. Dies legte nahe, den Widerstand entweder konsequent zu ‘militarisieren’, oder ihn auf eine gänzlich andere Art zu führen."

Am 19. Februar 1977 findet eine weitere Großdemonstration zum AKW Brokdorf statt, an der sich 50.000 Menschen beteiligen. Diese Demonstration gilt innerhalb der Bewegung eher als Symbol der Spaltung. Zeitgleich demonstrieren 5.000 gemäßigtere AKW-GegnerInnen in Itzehoe. Gruppen aus dem gewaltfreien Spektrum wollen sich nicht auf eine erneute bürgerkriegsähnliche Situation einlassen und besetzen den AKW-Bauplatz in Grohnde kurzzeitig.

Die Phase der "Schlachten am Bauzaun" endete zunächst mit der versuchten Besetzung des Bauplatzes des AKW Grohnde am 19. März 1977. Auch wenn sich 20.000 DemonstrantInnen beteiligten und sich eine stundenlange Schlacht mit der Polizei lieferten, so scheiterte die Platzbesetzung letztendlich doch. Die "quasi-militärische Auseinandersetzung, an der sich örtliche AKW-Gegner fast nicht beteiligten, forderte hunderte Verletzte" – und entzog jedweger Anti-AKW-Politik in der Region auf Jahre hinaus den Boden. Weitere Schlaglichter in dieser Aufzählung sind die internationale Demonstration gegen den Schnellen Brüter in Malville/Frankreich (bei der ein Demonstrant von der Polizei, die Sprenggranaten einsetzt, getötet wird) und Kalkar am 24. September 1977.

Ab Herbst 1977 setzte die erste Krise der Anti-AKW-Bewegung ein. Die Strategie der "Massenmilitanz" und der "Schlachten am Bauzaun" hatte die Bewegung in eine Sackgasse geführt.

 


Mythos Gorleben I: Eine WAA ist politisch nicht durchsetzbar

 

Mehr noch als Wyhl steht heute Gorleben als Symbol für die Anti-AKW-Bewegung, was wohl nicht nur auf die Auseinandersetzungen um Castor-Transporte zurückzuführen ist. Im Wendland agierte die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg ab Ende 1973 gegen ein in Langendorf/Elbe geplantes AKW, doch zunächst ohne große Resonanz in der Öffentlichkeit. Als Bruch muß die Standortbekanntgabe für ein Nukleares Entsorgungszentrum (NEZ) in Gorleben am 22. Februar 1977 gesehen werden. Sehr schnell bildeten sich nach der Standortbekanntgabe neue Bewegungsorganisationen neben der BI. Bereits am 12. März 1977 fand eine erste Großkundgebung der BI mit 15.–20.000 TeilnehmerInnen in Gorleben statt, an der sich überwiegend "Auswärtige" und eher dem Bildungsbürgertum zuzuordnende Kreise beteiligten, obwohl auch bei der einheimischen Bevölkerung "Unbehagen" und Ablehnung des NEZ vorherrschten. (vgl. GWR 34/35, S. 8).

Die Auseinandersetzung um das Nukleare Entsorgungszentrum gipfelte zwei Jahre später im sogenannten "Gorleben-Treck" nach Hannover, der am 31. März mit einer Demonstration mit 100.000 TeilnehmerInnen in Hannover endete. Mit dem berühmt gewordenen Ausspruch des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU) vom 16. Mai 1979, eine WAA sei in Gorleben "politisch nicht durchsetzbar", wurde die Planung für eine WAA und damit auch für das Eingangslager der WAA, das als Zwischenlager angesehen werden könnte, zunächst aufgegeben, an der Planung für ein Endlager aber festgehalten.

Eine Rolle gespielt haben dürfte dabei auch der Unfall im Atomkraftwerk Harrisburg in den USA. Dieser Unfall beginnt am 28. März 1979 mit dem Ausfall von zwei Speisewasserpumpen. Dadurch entstand die Gefahr einer Kernschmelze ("Super-GAU"). Am 30. März wurde die Bevölkerung im Umkreis zunächst über Radio zur Evakuierung aufgefordert, dies aber 2 Stunden später wieder rückgängig gemacht. Lediglich schwangere Frauen und Kinder unter sechs Jahren sollten aus einem Umkreis von 15 km evakuiert werden. Es kommt zu einem absoluten Chaos, mehr als 100.000 Menschen fliehen aus der Umgebung des AKW. Erst eine Woche später, am 4. April 1979, wird Entwarnung gegeben. Harrisburg ist nochmal knapp an einem GAU vorbeigeschrammt. Dieser Unfall passiert zeitgleich zum Gorleben-Treck nach Hannover und dem international besetzten "Gorleben-Hearing", ebenfalls in Hannover, bei dem erstmals Fachleute pro- und contra Wiederaufarbeitung streiten. Bis zur Katastrophe von Tschernobyl wird Harrisburg zum Synonym für die Nichtbeherrschbarkeit der Atomtechnik und führt 1979 auch zu einem weiteren Aufschwung der Anti-AKW-Bewegung.

Unter anderem auch als Reaktion auf die Ereignisse um das geplante NEZ bei Gorleben, aber auch allgemein auf die Anti-AKW-Bewegung der 70er Jahre, setzte der Bundestag am 29. März 1979 die Enquête-Kommission "Zukünftige Kernenergiepolitik" ein. Diese Kommission legte 1980 ihren Bericht vor, in dem vier mögliche Varianten der Energieversorgung als technisch und ökonomisch möglich dargelegt wurden – davon zwei Varianten ohne Atomenergienutzung. Diese Kommission setzte sich zum ersten Mal aus GegnerInnen und BefürworterInnen der Atomenergie zusammen.

Die Entwicklungen in Gorleben bringen auch die Anti-AKW-Bewegung wieder aus ihrer ersten Krise heraus. Am 3. Mai 1980 besetzen 5.000 Menschen die Bohrstelle 1004 für das geplante Endlager und proklamieren die "Republik Freies Wendland". Am 4. Juni wird der Platz von 10.000 PolizistInnen geräumt. Die BesetzerInnen leisten dabei gewaltfrei Widerstand. Die Republik Freies Wendland ist bis heute das Symbol des Anti-AKW-Widerstandes.

Nach dem Ende der Republik Freies Wendland wurde es zunächst ruhiger um die Atomenergie. Die Brokdorf-Demonstration vom 2. Februar 1981 mit 100.000 TeilnehmerInnen bildet eine letzte "Reminiszenz" an die Strategie der Schlachten am Bauzaun, bleibt jedoch für Jahre die letzte ihrer Art. Die 80er Jahre waren stärker durch die entstehende Friedensbewegung geprägt, neue Bauplätze gab es zunächst (fast) nicht. Die WAA, bei Gorleben "politisch nicht durchsetzbar", wanderte von Standort zu Standort durch die Republik, und führte sofort und überall zu breitem Protest. Schließlich landete sie wieder in Dragahn im Wendland und in Wackersdorf in der Oberpfalz. An beiden Standorten wurden Probebohrungen durchgeführt, bis sich die DWK schließlich am 4. Februar 1985 endgültig für das bayrische Wackersdorf entscheidet. In den folgenden Jahren kommt es hier erneut zu Platzbesetzung, Großdemonstrationen und "Zaunkämpfen". Ostern 1986 wird gegen 100.000 DemonstrantInnen CN- und CS-Gas eingesetzt, ein Asthmatiker stirbt an den Folgen.

 


Tschernobyl: Das Versagen der Anti-AKW-Bewegung

Tschernobyl ist bis heute das Mahnmal für die Unbeherrschbarkeit der Atomtechnologie und hat Harrisburg dem Vergessen anheim gegeben. Am 26. April 1986 kommt es zu einer Teilexplosion des Reaktors in Tschernobyl, bei der große Mengen Radioaktivität freigesetzt werden. Der "Fallout" führt auch in Westeuropa zu erhöhter Strahlenbelastung und Verzehrverboten für einige Lebensmittel.

Spätestens dieser Super-GAU hat in der Öffentlichkeit zu einer mehrheitlichen Ablehnung der Atomenergie geführt, die seitdem stabil ist. Nach Tschernobyl kam es bundesweit spontan zu unzähligen kleinen und großen Protestaktionen und es entstanden zahlreiche neue Anti-AKW-Initiativen. Als Reaktion auf Tschernobyl entstand das Bundesumweltministerium, und die SPD beschloß einen Ausstieg aus der Atomenergie binnen 10 Jahren nach Regierungsantritt. Auch zahlreiche Gewerkschaften befürworteten nun den Ausstieg aus der Atomenergie, so z.B. auch die ÖTV. Zahlreiche Ausstiegsgutachten wurden erstellt, die die technisch-wirtschaftliche Möglichkeit eines Sofortausstiegs aufzeigten.

Allerdings fanden alte und neue Anti-AKW-Bewegung nicht zusammen. Während die alte AKW-Bewegung mehr Militanz propagierte, bemühte sich die neue Anti-AKW-Bewegung um Aufklärung über Strahlenbelastung von Lebensmitteln. Die alte Bewegung bespöttelte sie jedoch als ‘Becquerellis’, und isolierte sich zunehmend. Angeregt von ökologischen Forschungsinstituten entstanden außerdem zahlreiche "Energiewendekomitees", die über einen Atomausstieg hinaus eine "Energiewende" und Rekommunalisierung der Energieversorgung forderten. Hiermit wurde auf hohem Niveau eine neue Auseinandersetzung um Energiepolitik und Energieeinsparung eröffnet, die ebenfalls bis heute nachwirkt, sich aber von der eigentlichen Anti-AKW-Bewegung mehr und mehr entfernt hat.

Reimar Paul bilanziert: "Für einige Wochen schien es so, als stünden die Atombetreiber und ihr politisches Personal mit dem Rücken zur Wand, als sei das Atomprogramm – und vielleicht noch mehr – ernsthaft bedroht. Zu diesem Zeitpunkt war die Anti-AKW-Bewegung kräftemäßig nicht in der Lage nachzusetzen. Hier erlitt sie eine strategische Niederlage." Dieser Einschätzung muß jedoch teilweise widersprochen werden: die Anti-AKW-Bewegung scheiterte nicht an fehlenden Kräften, sondern an fehlender Bündnisfähigkeit. Die Strategie der Militanz und Radikalisierung führte in die Isolation und gerade nicht dazu, die gesellschaftliche Zustimmung zum Atomausstieg politisch wirksam werden zu lassen. Nach wenigen Monaten ebben die Aktivitäten der Initiativen wieder ab, und zahlreiche Nach-Tschernobyl-Initiativen wenden sich der Arbeit für die Opfer von Tschernobyl zu, z.B. durch die Organisation von Hilfslieferungen und Ferienaufenthalten von Kindern aus der Umgebung von Tschernobyl.

Der Transnuklear-Skandal von 1987/88 bestärkte erneut die gesellschaftliche Stimmung gegen Atomenergie, doch wiederum konnte die Anti-AKW-Bewegung diese Stimmung nur bedingt nutzen. Transnuklear hieß eine Atomtransportefirma im hessischen Hanau. Bei dem nach dieser Firma benannten Skandal ging es darum, daß im belgischen Mol verpackter Atommüll falsch deklariert worden war und unter einige Abfälle verbotenerweise Plutonium gemischt worden war. Außerdem flossen erhebliche Schmiergelder, zwei Beteiligte (je eine Person aus einer Genehmigungsbehörde und von einer beteiligten Firma) begingen Selbstmord. Schließlich kam sogar der Verdacht auf – bis hin zur Bundesministerebene für glaubwürdig gehalten – daß atomwaffenfähiges Material nach Pakistan geliefert worden war. Dieser Verdacht bestätigte sich aber nicht. Das gesamte Atomtransportegeschäft wurde nach dem Skandal neu geordnet und in der Bundesrepublik ist eine Tochter der Deutschen Bahn AG einzige Lizenzinhaberin für Atomtransporte. Daß auch dies nicht hilft, hat der jüngste Castor-Skandal gezeigt.

Nach dem Abflauen des Widerstandes in Wackersdorf und angeheizt durch den Transnuklear-Skandal konzentrierte sich die Anti-AKW-Bewegung verstärkt auf Atomtransporte. Im Wendland startete 1988 die Kampagne "Wir stellen uns quer" gegen drohende erste Castor-Transporte ins dortige Zwischenlager mit einer von 300 BürgerInnen unterschriebenen Zeitungsanzeige. Im Herbst 1987 finden wiederholt Autobahn- und Hafenblockaden gegen Transporte deutschen Atommülls zur Zwischenlagerung nach Schweden statt. Höhepunkt dieser Aktionen sind Blockaden in Lübeck im Januar 1988, die zur Umleitung eines Transportes in eine Grenzschutzkaserne führen. 10.000 Menschen demonstrieren schließlich, die Atomindustrie weicht von Lübeck nach Emden aus, wo im Dezember 1988 ebenfalls mehr als 6.000 Menschen gegen einen Atomtransport demonstrieren. Schließlich werden die Transporte über die norddeutschen Häfen eingestellt. Und auch ins Wendland rollt trotz wiederholter Ankündigungen kein Castor-Transport.

Durchaus als Erfolg der Anti-AKW-Bewegung können gleich verschiedene Entscheidungen des Jahres 1989 gewertet werden: am 3. April vereinbaren der Energieversorger VEBA und die französische COGEMA (Betreiberin der WAA La Hague) die Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente in Frankreich und damit das Aus für Wackersdorf, das dann am 7. Juni 1989 endgültig verkündet wird. Bereits im März 1989 hatte Bundesforschungsminister Riesenhuber das endgültige Aus für den Schnellen Brüter in Kalkar verkündet. Und im Mai 1989 sickerte durch, daß die Betreiber des Hochtemperaturreaktors Hamm-Uentrop einen Antrag auf Stillegung des bereits seit September 1988 wegen eines Störfalls abgeschalteten Pannenreaktors stellen wollen.

Insgesamt wurden seit 1988 – so der Vorstandsvorsitzende des RWE anläßlich des Geschäftsberichtes 1995 – Atomenergieinvestitionen in Höhe von 15 Milliarden DM zum Scheitern gebracht – wenn das nicht ein Erfolg der Anti-AKW-Bewegung ist.

 


Der Fall der Mauer: Strom- und Atommafia goes East

 

Zum Zeitpunkt des Falls der Mauer war also bereits ein Prozeß der Europäisierung der Atomwirtschaft eingeleitet worden. Nicht nur waren In der BRD neue Atomkraftwerke nicht mehr durchsetzbar, auch die Plutoniumwirtschaft in Gestalt von WAA und Schnellem Brüter war endgültig gescheitert. Das Heil wurde in einer Kooperation mit Frankreich gesehen, wie die Verträge mit der COGEMA zeigen. Lediglich in Hanau setzte Siemens weiterhin auf Ausbau und plante und baute eine Mischoxid-Brennelementefabrik, in der das Plutonium aus der Wiederaufarbeitung im Ausland verarbeitet werden sollte. Diese Anlage wurde 1995 – bereits zu 95 % fertiggestellt – endgültig aufgegeben. Weitere 1,1 Milliarden DM waren somit in den Sand gesetzt. Zusätzlich wurde auch bei der Erschließung neuer Märkte kooperiert. Der "Euroreaktor" wurde/wird gemeinsam von Siemens und der französischen Framatome entwickelt und soll im wesentlichen exportiert werden.

Durch den Zusammenbruch der DDR und die Wiedervereinigung ergab sich jedoch eine teilweise neue Situation: zusätzliche laufende Reaktoren (5 Blöcke in Greifswald, 1 Reaktor in Rheinsberg) und zwei AKW-Baustellen (3 Blöcke in Greifswald, 2 Blöche in Stendal) kamen zum westdeutschen Atomprogram hinzu. Es entsteht eine Diskussion um die Nachrüstbarkeit dieser Ost-Reaktoren, die für Siemens vor allem deshalb von Interesse war, weil die Nachrüstung von Ost-Anlagen als wesentlicher neuer Markt nach dem globalen Rückgang von Reaktor-Neubestellungen angesehen wurde. In der BRD ging diese Diskussion jedoch eindeutig aus: die im Bau befindlichen Anlagen wurden nicht vollendet, die laufenden Anlagen 1990 und 1991 abgeschaltet.

Wichtiger ist jedoch, daß im Rahmen des Einigungsvertrages Atomanlagen der DDR im Prinzip Bestandsschutz mit gewissen Übergangsfristen genossen. Während an den Atomreaktoren der DDR kein Interesse bestand – im Rahmen der Privatisierung der DDR-Energiewirtschaft fanden gerade sie keine Käufer –, galt für das DDR-Endlager Morsleben etwas vollkommen anderes. Hier sollte die alte DDR-Genehmigung bis 2000 gelten und so der BRD ein genehmigtes Endlager für schwach- und mittelaktiven Atommüll bescheren (Mittlerweile liegt dieses Endlager jedoch aufgrund eines Gerichtsbeschlusses still, womit die Justiz dem rot-grünen Koalitionsvertrag vorauseilte).

Entscheidender sind jedoch zwei andere Punkte:

 

 

 

 


  1. das Fehlen einer starken Anti-AKW-Bewegung machte es der Atomindustrie möglich, am Standort Lubmin/Greifswald ein weiteres Zwischenlager für Castor-Behälter (Zwischenlager Nord) in relativ kurzer Zeit zu errichten. Zunächst durchgesetzt mit der Begründung der Notwendigkeit einer Entsorgung der stillgelegten Ost-Anlagen, ist eine Ausweitung der Genehmigung auf West-Müll nicht auszuschließen. Eine lokale Widerstandstradition fehlt fast völlig, gerade in einer an Atomenergie gewöhnten und mit hoher Arbeitslosigkeit belasteten Region.

  2. durch den Stromvertrag mit der DDR konnten sich die westdeutschen Energieversorgungsunternehmen den ostdeutschen Energiemarkt unter den Nagel reißen und dort die Entwicklung einer Alternative, beruhend auf dezentraler Kraft-Wärme-Kopplung und einer Energieversorgung in der Hand der Kommunen, wie sie noch in der DDR-Kommunalverfassung vom Mai 1990 favorisiert worden war, nachhaltig verhindern. Die Struktur der westdeutschen Energieversorgung mit ihrer Orientierung auf große Kraftwerkseinheiten und der Behinderung von kommunaler Eigenerzeugung wurde somit auf den Osten ausgedehnt.

Letzteres scheint mir die eigentliche Niederlage für eine andere Energiepolitik im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung zu sein. Eine maßgebliche Eigenerzeugung der Kommunen, gestützt auf Kraft-Wärme-Kopplung, wurde damit vertraglich auf Jahrzehnte verhindert. Der von Robert Jungk so genannte "harte Weg" war demnach auch im Osten festgeschrieben, eine "Wende" blieb aus.

 

 


Mythos Gorleben II: Das Wiedererstarken der Anti-AKW-Bewegung durch den Castor-Widerstand

 

Nach dem Aus für Wackersdorf und der Wiedervereinigung wird es erneut ruhig um die Anti-AKW-Bewegung, die Kristallisationspunkte fehlen. In den Jahren 1991 und 1992 wird das "Ende der Anti-AKW-Bewegung" diskutiert. Wieder ist es das Wendland, das diese Prognose praktisch widerlegt. Von 1988 bis 1994 wird insgesamt viermal "Castor-Alarm" ausgelöst, und immer wieder stellen die WendländerInnen die Aktualität ihres Aufrufes "Wir stellen uns quer" von 1988 unter Beweis. Die Transporte wurden immer wieder entweder aus politischen Gründen (1990: Wahl in Niedersachsen, 1992: Beginn der Energiekonsensgespräche) oder aus Sicherheitsgründen (1991: fehlende Rücknahmegenehmigung für defekte Behälter aus Biblis) abgesagt.

Spätestens im Sommer 1994 meldet sich die Anti-AKW-Bewegung auch in der bundesweiten Öffentlichkeit zurück. Im Mai wird bekannt, daß ein Castor-Behälter mit neun abgebrannten Brennelementen aus dem AKW Philippsburg II ins Gorlebener Zwischenlager transportiert werden soll. Im Landkreis Wendland kommt es zu zahlreichen Aktionen, dem Bau eines Hüttendorfes vor dem Zwischenlager und täglichen sowie nächtlichen Einzelaktivitäten. Der geplante Castortransport wurde zum dominierenden Medienereignis, "die Republik hat ihr politisches Sommerthema" titelte z.B. das Handelsblatt am 12.07.1994. Der Spiegel verortete das "Comeback der Anti-AKW-Bewegung" (Der Spiegel 28/1994). Mitte Juni 1994 wurde der Transport von Innenminister Glogowski "mangels Polizei" zunächst verschoben. Auch ein zweiter Versuch im November 1994 wird schließlich vom Gericht gestoppt, führt aber erneut zu ähnlich massiven Protestaktivitäten im Wendland.

Es dauert bis zum Sommer 1995, bis der erste Castor-Transport schließlich durch ein Aufgebot von 15.000 PolizistInnen durchgebracht werden kann. Und auch diese "militärische Niederlage" verwandelt sich für die Anti-AKW-Bewegung in einen politischen Sieg. Von Jahr zu Jahr werden die Aktionen gegen Castor-Transporte stärker, und gesellschaftlich breiter getragen. Beim dritten Castor-Transport im März 1997 blockierten nicht nur 9.000 Menschen mit der größten Sitzblockade in der Geschichte der BRD stundenlang den Transport und mehrere Tausend führten entlang der Strecke andere Aktionen durch, auch die regionalen und lokalen Institutionen unterstützten den Widerstand, so daß mit Recht von "Sozialer Verteidigung" gesprochen werden kann. Auch das Ausweichen auf Ahaus im Jahr 1998 brachte für die Atomindustrie keine Entlastung.

Das Bekanntwerden von Kontamination an der Außenhaut der Castor-Behälter, die die zulässigen Grenzwerte bis zum 3.000fachen überschritten, führte schließlich zum bis heute andauernden totalen Transportestop. Dieser Stop wäre nicht denkbar gewesen ohne die starke Anti-Castor-Bewegung, die sich längst zu einer Anti-AKW-Bewegung verbreitet hatte. Durch diesen Transportestop waren nicht nur Castor-Transporte nach Gorleben oder Ahaus nicht mehr möglich, sondern auch die bisher weitgehend von Protest verschont gebliebenen Transporte aus den deutschen AKWs in die Wiederaufarbeitungsanlage nach La Hague oder Sellafield. Damit bestand zum ersten Mal real die Chance, daß Atomkraftwerke an ihrem eigenen Müll ersticken würden und abgeschaltet werden müßten. Dieser Transportestop gilt derzei noch, und die Anti-AKW-Bewegung bereitet sich derzeit darauf vor, eine Aufhebung des Stops durch praktischen Widerstand zu verhindern (z.B. durch die Kampagne "X-tausendmal quer-überall").

 


Atomkonsensgespräche

 

Der Ausstieg aus der WAA Wackersdorf leitete auch Bemühungen um einen sogenannten "Energiekonsens" von Seiten der Energiewirtschaft ein. In einem Positionspapier zur Jahrestagung Kerntechnik 1990 appellieren die EVUs "an Politik und Öffentlichkeit zum energiepolitischen Konsens zurückzukehren". Damit reagierten die EVUs auf die öffentliche Stimmung gegen Atomenergie und auf die Probleme mit den Aufsichtsbehörden in SPD oder SPD/grün regierten Bundesländern, die ihnen immer wieder längere Stillstandszeiten einzelner AKW bescherten. Der Stromkonzernen ging es bei den sogenannten "Energiekonsensgesprächen" immer vor allem um die Absicherung von Restlaufzeiten und reibungslosem Betrieb einschließlich Entsorgung, während die Atomindustrie (Siemens) natürlich ebenfalls an der Option des Zubaus neuer Kraftwerke interessiert war (und ist).

Anfang Dezember 1992 gehen die Stromkonzerne RWE und VEBA mit einer gemeinsamen Erklärung in die Offensive: im wesentlichen verlangen sie:

 

 

 

 

 

 

 

 


  • die Bestandssicherung laufender Anlagen für eine Laudfzeit von mindestens 35 Jahren;

  • die Option auf Neubau von Atomkraftwerken in der Zukunft, und damit verbunden die weitere staatliche Förderung der Entwicklung von Atomkraftwerken;

  • die Beendigung der Wiederaufarbeitung im Ausland "zum frühestmöglichen Termin";

  • die direkte Endlagerung als "einziger Entsorgungsweg".

Ab März 1993 trafen sich ParteienvertreterInnen mit VertreterInnen des BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie), des DGB, der Elektrizitätswirtschaft und der Umweltverbände. Doch im Sommer 1993 stiegen die Grünen aus, im Herbst die Umweltverbände. Und Ende Oktober 1993 wurden die "Konsensgespräche" endgültig als gescheitert angesehen. Grund war der sogenannte "Fadenabrißverhinderungsreaktor", d.h. die Weiterentwicklung der Atomenergienutzung und das Offenhalten der Option auf den Zubau neuer Atomkraftwerke. Das Scheitern der ersten Gespräche im Oktober 1993 darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß im wesentlichen zwischen Stromkonzernen und sowohl CDU/CSU/FDP-Regierung und damaliger SPD-Opposition Einigkeit bestand über Restlaufzeiten für bestehende Anlagen und den langfristigen Ausstieg aus der Wiederaufarbeitung im Ausland. Da ein Endlager fehlte, bedeutete dies auch die Langzeitzwischenlagerung in Gorleben und Ahaus. Kurz: Investitionssicherung für die Stromkonzerne.

Im März 1995 wird ein zweiter Anlauf unternommen, diesmal nur unter Beteiligung der Bundesregierung und der SPD. Diesmal sollte es "nur" um einen Atommüllkonsens gehen. Von Gerhard Schröder als Verhandlungsführer der SPD war bereits die Zustimmung zu Atomtransporten bei Neubau weiterer Zwischenlager in Süddeutschland zugesagt worden, ebenso eine zügige Genehmigung von Schacht Konrad. Nachdem der erste Castor-Transport im April 1995 ins Wendland nur durch 15.000 PolizistInnen durchgebracht werden kann, werden jedoch auch diese Gespräche beendet. Schröder konnte sich mit seiner Position damals innerhalb der eigenen Partei noch nicht durchsetzen. Die Entwicklung der Anti-AKW-Bewegung hat seitdem – bis zur Bundestagswahl im Herbst 1998 und dem Regierungswechsel – alle Versuche von Atomkonsensgesprächen als unrealistisch erscheinen lassen.

 


Zusammenfassung und Ausblick: Anti-AKW-Bewegung und Konsensgespräche

 

In den mittlerweile fast 30 Jahren Anti-AKW-Bewegungen – ein wahrlich langer Weg bis zum immer noch nicht erreichten Ausstieg – lassen sich verschiedene Phasen ausmachen. Anfang der 70er Jahre begann zunächst ein "sich selbst schlau machen", und Proteste beschränkten sich auf potentielle Standorte von Atomkraftwerken. Erst durch die Platzbesetzung in Wyhl 1975 trat die Anti-AKW-Bewegung als solche ins öffentliche Bewußtsein. Es folge ein massiver Aufschwung vor allem in den (Uni-) Städten und eine Phase der "Schlachten am Bauzaun", die etwa bis Ende 1977 andauerte und von einer eher ruhigeren Phase abgelöst wurde.

Gorleben brachte den Wechsel, nicht nur durch den Gorleben-Treck nach Hannover 1979 (sicherlich mit Rückenwind wg. Harrisburg), sondern auch wegen der "Republik Freies Wendland" 1980. Die Enquête-Kommission "Zukünftige Kernenergiepolitik" zeigt auch die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz der Anti-AKW-Bewegung.

In der ersten Hälfte der 80er Jahre drängt die Friedensbewegung die Anti-AKW-Bewegung in den Hintergrund. Nicht nur ist die Frage der Nachrüstung das scheinbar drängendere gesellschaftliche Problem, es werden auch keine neuen Atomkraftwerke mehr bestellt und in Sachen Wiederaufarbeitungsanlage herrscht ebenfalls eine Ruhepause. Die Standortentscheidung für Wackersdorf im Februar 1985 läßt auch die Anti-AKW-Bewegung wieder aufleben, und spätestens die Katastrophe von Tschernobyl zementriert eine gesellschaftliche Mehrheit gegen Atomenergie. Allerdings erweist sich die Anti-AKW-Bewegung in der Folge von Tschernobyl als bündnisunfähig und kann daher die gesellschaftliche Mehrheit nicht in politische Macht zur Abschaltung von AKWs umsetzen. Lediglich Zubauten stehen seit Tschernobyl definitiv ernsthaft nicht mehr auf der Tagesordnung.

Die Jahre seit Tschernobyl sind geprägt von einem politischen Patt. Die Atomindustrie kann einen Ausbau des Atomprogramms nicht durchsetzen und muß daher ökonomisch nur bei Einstieg in die Plutoniumwirtschaft bzw. bei Ausbau der Atomenergie sinnvolle Projekte begraben: die vorzeitige Stillegung des THTR in Hamm-Uentrop, das Aus für Kalkar und Wackersdorf 1989 und für das Siemens-Brennelementewerk in Hanau 1995 gehören in diese Kategorie.

Gleichzeitig kann die Anti-AKW-Bewegung weder eine nennenswerte Anzahl von Atomkraftwerken vorzeitig vom Netz zwingen (Würgassen ließe sich hier anführen), noch einen Strukturwandel der Energiewirtschaft herbeiführen. Der Kampf zwischen einer "harten" Energieversorgung, für die Atomenergie lediglich ein Symbol ist, und einer "sanften" und dezentralen Energieversorgung geht bei der Wiedervereinigung eindeutig verloren, wofür der Stromvertrag mit der DDR steht.

Die Auseinandersetzungen um die Castor-Transporte in den letzten Jahren haben die Anti-AKW-Bewegung ansatzweise aus diesem Patt herausgeführt. Die Blockadeaktionen von 1995–1998 und der Transportestop in Folge des Castor-Skandals haben zu einer politischen Situation geführt, in der erstmals zumindest verbal Verhandlungen über einen Atomausstieg anstehen. Im Unterschied zu den Konsensgesprächen von 1993 ist dabei ein "Fadenabrißverhinderungsreaktor" nicht mehr im Gespräch, womit zumindest die Atomindustrie eine Niederlage erlitten hat. Die Stromwirtschaft weiß aber ihre politische und ökonomische Macht sehrwohl zu nutzen, wie die Vorgänge um den ersten Termin der Konsensgespräche am 26. Januar 1999 und um das geplante Verbot der Wiederaufarbeitung zum 1.1.2000, das mittlerweile vom Tisch ist, gezeigt haben. Bedeutsam ist dabei auch, daß über einen Strukturwandel der Energiewirtschaft an sich, eine Abkehr vom "harten Weg", überhaupt nicht diskutiert wird.

Für die Anti-AKW-Bewegung geht es derzeit vorrangig um zweierlei:

Zum einen muß sie auf die sogenannten Energiekonsensgespräche reagieren und darf Energiewirtschaft und rot-grüner Bundesregierung nicht die Definitionsmacht überlassen. In diesem Bereich war die Bewegung in den letzten Wochen nicht sehr erfolgreich und hat sich erst mit Beginn der Konsensgespräche öffentlich wieder zurückgemeldet. Trotzdem wird der öffentliche Diskurs eher durch ökonomische und juristische Fragestellungen im Zusammenhang mit dem Atomausstieg dominiert, und nicht durch ökologische Fragen oder das Unfallrisiko. Hier zeigt sich erneut die alte Schwäche der Anti-AKW-Bewegung, zwar stark bei Aktionen, aber schwach in der Bündnisarbeit und der öffentlichen Vermittlung der eigenen Positionen zu sein.

Der zweite Punkt ist die Verhinderung der Aufhebung des Transportestops. Auch von Umweltminister Trittin wurde bereits angekündigt, daß auch unter rot-grün und trotz eines eventuell beschlossenen Atomausstiegs Atomtransporte auch aus laufenden Atomanlagen stattfinden müßten. Hier wird von rot-grün an einer Rechtfertigung von Transporten gebastelt, die bisher politisch massiven Widerstand hervorriefen (siehe Gorleben 1995–1997, Ahaus 1998). Mit verschiedenen Kampagnen orientiert die Anti-AKW-Bewegung derzeit auf die praktische Verhinderung des ersten Transportes nach einer eventuellen Aufhebung des Transportestops.

Nie war die Anti-AKW-Bewegung so nah am Atomausstieg wie heute. Die nächsten Monate und Jahre werden entscheiden, wie lang der lange Weg zum Atomausstieg noch sein wird.

 


Kontakt:

Patchwork – Verein zur Förderung demokratischer Selbstorganisation e.V.

Kaiserstraße 24 26122 Oldenburg

Tel.: 0441/17111 Fax: 0441/2489661

email: patchwork@oln.comlink.apc.org

internet: http://www.comlink.apc.org/patchwork

 



Literatur:

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Bischoff, Gerhard: Möglichkeiten und Grenzen der Energiepolitik. In: Gemper, Bodo (Hrsg.): Energieversorgung: Expertenmeinungen zu einer Schicksalsfrage. München, 1981

Enno Brand: Staatsgewalt. Politische Unterdrückung und innere Sicherheit in der Bundesrepublik. Göttingen 1988

Deutscher Bundestag, Referat Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.): Zukünftige Kernenergiepolitik – Kriterien – Möglichkeiten – Empfehlungen; Bericht der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages, Bonn 1980

Ehmke, Wolfgang (Hg.), Zwischenschritte. Die Anti-Atomkraft-Bewegung zwischen Gorleben und Wackersdorf, Köln, Kölner Volksblatt Verlag, 1987

Wolfgang Ehmke: Transformationen der Ökologiebewegung. Versuch einer Ökobilanz. In: forschungsjournal neue soziale bewegungen 11 Jg., Heft 1, 1998

Silke Kreusel und Andreas Speck: Die Anti-Castor-Bewegung. In: gewaltfreie aktion Nr. 115/116, 1+2. Quartal 1998

Halbach, Dieter und Panzer, Gerd, Zwischen Gorleben und Stadtleben. Erfahrungen aus drei Jahren Widerstand im Wendland und in dezentralen Aktionen, Berlin, Ahde, 1980

Peter Hennicke; Jeffrey P. Johnson; Stephan Kohler; Dieter Seifried: Die Energiewende ist möglich. Für eine neue Energiepolitik der Kommunen. Frankfurt 1985

Wolfgang Hertle: Larzac, Wyhl, Brokdorf, Seabrook, Gorleben.... Grenzüberschreitender Lernprozeß Zivilen Ungehorsams. In: Komitee für Grundrechte und Demokratie: Ziviler Ungehorsam, Sensbachtal, 1992

Robert Jungk: Der Atom-Staat. Vom Fortschritt in die Unmenschlichkeit. Reinbek bei Hamburg, 1979

Winfried Kretschmer/Dieter Rucht: Beispiel Wackersdorf: Die Protestbewegung gegen die Wiederaufarbeitungsanlage. In: Roland Roth/Dieter Rucht (Hrsg.): Neue Soziale Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn/Frankfurt 1987

Heinz Laing: Deutschland, einig Atomenergieland, einig Energieland, einig ... In: atom Nr. 32, Oktober/November 1990

Heinz Laing: Stromvertrag DDR. Die Raubritter ziehen gen Osten. In: atom Nr. 32, Oktober/November 1990

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Öko-Institut/Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW): Qualitative und soweit möglich quantitative Abschätzung der kurz- und langfristigen Wirkungen eines Verzichts auf die Kernenergie. Freiburg/Berlin 1986

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Günther Saathoff: "graswurzelrevolution" – Praxis, Theorie und Organisation des gewaltfreien Anarchismus in der Bundesrepublik. Diplomarbeit, Marburg 1982

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Jochen Stay: Militärische Niederlage – politischer Sieg. Der Castor-Transport war ein Schritt zur Stillegung der Atomanlagen. In: graswurzelrevolution Nr. 198, Mai 1995

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Katja Tempel/Jochen Stay: Castor – das Buch. Güstritz 1995

Robert Del Tredici: Die Menschen von Harrisburg. Das Leben mit dem Atomreaktor Three Mile Island. Frankfurt 1982

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Article | by Dr. Radut